La Française Kommentar "Geopolitische Unsicherheiten und Ölpreise"
Jean-François Jolivalt, Multi Asset Fund Manager, La Française
Die Ermordung des iranischen Spitzengenerals Qasem Soleimani durch die Amerikaner verstärkte die geopolitischen Unsicherheiten. Sowohl der Öl- als auch der Goldpreis sind auf die Meldungen hin stark gestiegen. Der Preis für ein Barrel Brent - die Benchmark für nordeuropäisches Öl - näherte sich der 70-Dollar-Marke und erreichte beinahe den Höchststand von 2019*. Der Goldpreis liegt wieder bei 1550 US-Dollar pro Unze und damit auf dem höchsten Stand seit 2013*. Dies führte auch zu der für solche Vorkommnisse typischen Nachfrage nach sicheren Geldanlagen wie dem Yen und Staatsanleihen, die am nächsten Tag allesamt zulegen konnten.
Die jüngste Entwicklung in der Beziehung zwischen den USA und dem Iran ist auf Angriffe auf die saudischen ARAMCO-Anlagen und auf andere saudische Energieinfrastrukturen im September zurückzuführen. Sie werden allesamt dem Iran zugeschrieben. Die Märkte waren aufgeschreckt und erwarteten Einschränkungen in der Ölversorgung aus der wichtigsten Förderregion. Wenige Tage nachdem US-Angriffe angekündigt wurden, hat der Iran als Vergeltung Raketen auf eine irakische Militärbasis abgefeuert. Letzten Mittwoch hat US-Präsident Trump die ganze Situation öffentlich heruntergespielt und versucht, die Feindseligkeiten mit dem Iran zu deeskalieren.
Zum gegenwärtigen Zeitpunkt haben sich die grundlegenden Rahmenbedingungen für den Ölmarkt nicht geändert. Das Überangebot ist dank des Booms der Schieferbohrungen in den USA und der schwach wachsenden weltweiten Nachfrage immer noch unsere Ausgangssituation. In anderen Worten, Öl sollte weiterhin im Überfluss fließen, was den Preisanstieg begrenzen sollte. Vor diesem Hintergrund dürften diese dramatischen Ereignisse keine größeren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft haben. Unser wirtschaftliches Ausgangsszenario für 2020 sieht wie folgt aus: ein leichter Aufschwung mit einem langsamen und stetigen Wachstum, geringer Inflationsdruck und eine akkommodierenden Geldpolitik.
Die jüngste Volatilität auf dem Ölmarkt findet jedoch vor dem Hintergrund der in den letzten Monaten gestiegenen Energiepreise statt. Die Hauptgründe dafür sind: 1.Die Märkte preisen eine Vielzahl von langfristigen Risiken ein, insbesondere jene im Zusammenhang mit Brexit und dem Handelskrieg zwischen den USA und China; 2.Bessere Wirtschaftsdaten auf der ganzen Welt deuten darauf hin, dass eine Rezession nicht mehr wahrscheinlich ist. Wie jede andere risikobehaftete Anlage stieg Öl parallel zu einem sogenannten optimism/reflation trade.
Der künftige Weg ist jedoch noch ungewiss, da weitere Spannungen nicht ausgeschlossen werden können. Jede Eskalation könnte sicherlich einen starken Anstieg der Ölpreise auslösen, der letztlich die globalen makroökonomischen Aussichten belasten würde.
Dieser angebotsseitig getriebene Preisanstieg dürfte die weltweiten Investitionen verringern, die Verbrauchernachfrage beeinträchtigen und sich auf die Ölimporteure, insbesondere die Schwellenländer mit defizitärer Leistungsbilanz, auswirken. Dieses Szenario könnte angesichts der geringeren Nachfrage einen erheblichen Deflationsdruck erzeugen. Eine starke Reaktion der Zentralbanken mit weiteren Zinssenkungen könnte die Folge sein.
*Quelle: Bloomberg
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