Vontobel: Frankreich – weder Rückenwind noch Gegenwind
Christophe Bernard, Chefstratege bei Vontobel
In seiner aktuellen Markteinschätzung analysiert Christophe Bernard,
Chefstratege bei Vontobel, die Situation Frankreichs:
Der «Train à Grande Vitesse», einer der erfolgreichsten Hochge-
schwindigkeitszüge der Welt und Inbegriff französischer Ingenieurskunst,
ist etwas aus der Spur geraten. Angesichts der schwachen Wirtschaft und
der Widerstände gegen Veränderungen ist die zweitgrößte Wirtschaft der
Eurozone schon lange hinter Deutschland als treibende Kraft der Eurozone
zurückgefallen. Es könnte jedoch Licht am Ende des Tunnels geben. Die
von Präsident François Hollande geplanten Reformen sind ein Anfang –
vorausgesetzt, sie werden richtig umgesetzt. Eine Wiederbelebung der
französischen Wirtschaft wäre ein entscheidender Faktor für eine Ver-
besserung des langfristigen Ausblicks für die Eurozone.
Doch Frankreich leidet unter einer wirtschaftlichen Stagnation, und
die Staatsverschuldung nähert sich der Marke von 100 Prozent des
Bruttonationalprodukts (BIP). Das Land hat zu kämpfen, um das Ziel
einer Reduzierung des Haushaltsdefizits auf drei Prozent des BIP bis
2015 zu erreichen. Die Handelsbilanz ist noch immer negativ, die
Arbeitslosenrate steigt, und in der Industrie werden Stellen abge-
baut. Die starke und anhaltende wirtschaftliche Schwäche im Vergleich
zu Deutschland seit 2010 zeigt sich in einem wachsenden Abstand bei
der Wettbewerbsfähigkeit – ein Prozess, der Anfang der 2000er-Jahre
begonnen hat (siehe Grafik 2). Darüber hinaus hat das französische
Volk das Vertrauen in die traditionelle «Classe Politique» verloren,
was durch das starke Abschneiden der rechtsgerichteten Front
National bei den Europawahlen deutlich wurde.
Im Gegensatz zu Spanien oder sogar Italien unternimmt Frankreich
keinerlei ernsthaften Versuche, seine Wettbewerbsfähigkeit zu stärken,
das übermäßige Gewicht des öffentlichen Sektors zu verringern und/oder
das langfristige Wachstumspotenzial zu steigern. Auch hat die
sozialistische Regierung die einzigen signifikanten Reformen, die
die konservative Vorgängerregierung durchgeführt hatte, verwässert
beziehungsweise rückgängig gemacht, nämlich die Nicht-Wiederbesetzung
von einer bei zwei frei werdenden Stellen im Staatsdienst und die
Erhöhung des Rentenalters. Infolgedessen zehren der stetig wachsende
finanzielle Druck und die endemische Unfähigkeit, die öffentlichen
Ausgaben einzudämmen an den lebensnotwendigen Kräften und hemmen das
Wachstum – und dies zu einem Zeitpunkt, zu dem in den Ländern der
europäischen «Peripherie» eine Belebung zu beobachten ist. Tatsache
ist, dass Frankreich (neben Dänemark) in Europa die höchsten öffent-
lichen Ausgaben im Verhältnis zum BIP hat, nämlich 56 Prozent im
Vergleich zu 44 Prozent in Deutschland und 32 Prozent in der Schweiz.
Natürlich hat der französische Staat maßgeblich zum historischen
Erfolg von Unternehmen wie Airbus und Ariane im Luft- und Raumfahrt-
sektor, dem Atomkraftprogramm sowie dem Hochgeschwindigkeitsnetz
beigetragen. Doch diese glorreichen Tage scheinen vorüber zu sein.
Statt Innovation voranzutreiben, ist die Regierung vor allem bestrebt,
die Auswirkungen der industriellen Veränderungen auf die Wirtschaft
des Landes zu begrenzen.
«Pakt der Verantwortung» könnte die Ausgabenbremse ziehen
Zuletzt stellte François Hollande in einer 180-Grad-Wende einen
ehrgeizigen «Pakt der Verantwortung» vor, mit dem die Kosten der
Unternehmen gesenkt und gleichzeitig die öffentlichen Ausgaben um
50 Milliarden Euro gekürzt werden sollen. Dies ist zumindest auf
rhetorischer Ebene eine größere Veränderung und somit als positiv
zu betrachten. Die Details müssen jedoch noch ausgearbeitet werden,
und die entsprechenden Vorschläge werden auf Widerstände in der
eigenen Sozialistischen Partei des Präsidenten stoßen – die
Tatsache, dass viele Parteimitglieder schlechte Aussichten auf
eine Wiederwahl haben, dürfte dabei kaum hilfreich sein. Anders
als Spanien, das sich nach tiefgreifenden, schmerzhaften Reformen
im Aufschwung befindet, haben die «Opfer», die das französische
Volk bringen musste, bislang noch keine greifbaren Ergebnisse
gebracht, und dies diskreditiert die gesamte politische Klasse.
Der «Pakt der Verantwortung» ein durchaus positiver Schritt,
aber sein Erfolg wird davon abhängen, ob er sich umsetzen lässt
oder nicht.
Disclaimer: Diese Meldung ist keine Empfehlung zu einer Fondsanlage und keine individuelle Anlageberatung. Vor jeder Geldanlage in Fonds sollte man sich über Chancen und Risiken beraten und aufklären lassen. Der Wert von Anlagen sowie die mit ihnen erzielten Erträge können sowohl sinken als auch steigen. Unter Umständen erhalten Sie Ihren Anlagebetrag nicht in voller Höhe zurück. Die in diesem Kommentar enthaltenen Informationen stellen weder eine Anlageempfehlung noch ein Angebot oder eine Aufforderung zum Handel mit Anteilen an Wertpapieren oder Finanzinstrumenten dar.
Risikohinweis: Die Ergebnisse der Vergangenheit sind keine Garantie für künftige Ergebnisse. Die Aussagen einer bestimmten Person geben deren persönliche Einschätzung wieder. Die zur Verfügung gestellten Informationen erheben keinen Anspruch auf Vollständigkeit und stellen keine Beratung dar.