abrdn Investments | Lulas Comeback lässt Zweifel an Brasiliens Haushaltspolitik
Victor Szabo, Investment Director, Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments
Investmentfonds.de - Frankfurt a. Main, 26.10.2026 - Luiz Inácio Lula da Silva ist eines der bemerkenswertesten Comebacks in der demokratischen Geschichte Brasiliens gelungen. Nachdem er im ersten Wahlgang noch auf Platz zwei gelegen hatte, setzte er sich drei Wochen später in der Stichwahl mit 51,8 % der gültigen Stimmen gegen Flávio Bolsonaro durch, der auf 48,2 % kam. Seit der Rückkehr zur Demokratie ist Lula damit der erste Kandidat, der trotz eines Rückstands im ersten Wahlgang die Präsidentschaft gewann. Zugleich ist er der erste Brasilianer, der viermal zum Präsidenten gewählt wurde. Seine neue Amtszeit beginnt im Januar.
An den Märkten dürfte das Ergebnis deutlich nüchterner aufgenommen werden. Zum Redaktionsschluss hatte der Handel in Brasilien noch nicht begonnen, doch die Reaktion dürfte deutlich negativ ausfallen. Viele Anleger hatten auf einen Regierungswechsel gesetzt: Nach dem ersten Wahlgang legte der Ibovespa im frühen Handel um mehr als 8 % zu, während die langfristigen Zinsen angesichts der Hoffnung auf einen finanzpolitischen Kurswechsel deutlich nachgaben. Ein großer Teil dieser Bewegung dürfte sich nun umkehren. Der wiedergewählte Präsident steht damit klar in der Pflicht, die Märkte vom Gegenteil zu überzeugen.
Ein Comeback mit finanzpolitischem Preis
Für Unruhe sorgt nicht nur der Wahlausgang, sondern auch die Art und Weise, wie er zustande kam.In den drei Wochen zwischen den beiden Wahlgängen beschloss die Regierung, die Leistungen aus ihrem wichtigsten Transferprogramm „Bolsa Família“ um 15 % anzuheben. Die höheren Zahlungen sollten ab dem 19. Oktober fließen.
Zugleich setzte sie die Bundessteuer auf Benzin auf null und erhöhte die Subventionen für Ethanol und importierten Diesel. Lula unterzeichnete außerdem ein Gesetz zum Erlass von Bundessteuerschulden für Kleinstunternehmer. Nach Regierungsangaben könnten davon mehr als 3,6 Millionen Menschen profitieren.
Zudem wurde die Umsatzgrenze für das vereinfachte Steuersystem dieser Unternehmen angehoben. Im Wahlkampf stellte Lula nicht rückzahlbare Hilfen von bis zu 5.000 Real (R$) für Kleinunternehmen, ein neues monatliches Stipendium für Studierende aus einkommensschwachen Haushalten sowie eine weitere Runde des Entschuldungsprogramms „Desenrola“ für Privathaushalte in Aussicht.
Wenige Tage vor der Abstimmung brachte die Regierung zudem eine Verfassungsänderung für kostenlosen öffentlichen Nahverkehr an Wochenenden und Feiertagen in den Kongress ein. Finanziert werden soll sie durch die Umwidmung eines Teils der von Abgeordneten kontrollierten Haushaltsmittel. Der Kongress verabschiedete darüber hinaus die Abschaffung der Sechstagewoche, eines von Lulas zentralen Wahlversprechen. Die zulässige Wochenarbeitszeit sinkt damit ohne Lohneinbußen von 44 auf 40 Stunden.
Einige dieser Maßnahmen sind befristet. Nach Angaben der Regierung soll die Senkung der Kraftstoffsteuer durch außerordentliche Einnahmen aus dem Ölsektor gegenfinanziert werden. Mehrere Vorhaben müssen zudem noch den Kongress passieren. Andere Maßnahmen, etwa das Studierendenstipendium, würden dagegen dauerhafte Verpflichtungen in einem Haushalt schaffen, der schon jetzt kaum Spielraum bietet. In der Summe ist die Botschaft eindeutig: Sobald es um Wählerstimmen ging, rückte die Haushaltsdisziplin in den Hintergrund.
Lula stellte im Wahlkampf zwar eine Konsolidierung des Haushalts in Aussicht, allerdings langsamer als sein Rivale und ausdrücklich unter der Bedingung, dass Ausgabenkürzungen nicht zulasten einkommensschwacher Brasilianer gehen. Nach den eigenen Projektionen der Regierung verbessert sich der Primärsaldo nur schrittweise und erreicht bis 2030 einen Überschuss von 1,3 % des BIP. Sein Vizepräsident Geraldo Alckmin nannte die Wahlkampffinanzierung und überhöhte Gehälter im öffentlichen Dienst als mögliche Sparfelder. Beides reicht jedoch bei Weitem nicht aus, um das Problem in seiner Größenordnung zu lösen.
Die Zahlen lassen kaum Spielraum
Brasilien kann sich eine solche Politik kaum noch leisten. Die Bruttostaatsverschuldung ist auf rund 83 % des BIP gestiegen. Das sind mehr als zehn Prozentpunkte gegenüber dem Beginn dieser Amtszeit. Das Haushaltsdefizit von knapp 10 % des BIP entfällt inzwischen nahezu vollständig auf Zinszahlungen. Brasilien zahlt auf seine stetig wachsende Schuldenlast einen der höchsten Realzinsen weltweit. Das ist auf Dauer nicht tragfähig und belastet Unternehmen und private Haushalte ebenso wie die öffentlichen Finanzen.Ein feindseliger Kongress: Korrektiv oder Blockade?
Lula wird mit einem Kongress regieren müssen, der von seinen politischen Gegnern dominiert wird. Bolsonaros Liberale Partei stellt in der Abgeordnetenkammer die größte Einzelfraktion seit Inkrafttreten der Verfassung von 1988 und verfügt über fast doppelt so viele Abgeordnete wie Lulas Arbeiterpartei. Auch im Senat ist sie stärkste Kraft. Dort wurde bereits einer von Lulas Kandidaten für das Oberste Gericht abgelehnt. Das war zuletzt vor 132 Jahren der Fall. Zudem dürften sich die zentristischen Parteien des „Centrão“ ihre Unterstützung teuer bezahlen lassen.Für Anleger ist das Fluch und Segen zugleich. Ein feindseliger Kongress könnte besonders kostspielige Wahlversprechen ausbremsen, etwa den kostenlosen öffentlichen Nahverkehr, der eine Verfassungsänderung voraussetzt. Ebenso gut könnte er jedoch Maßnahmen zur Steigerung der Staatseinnahmen und Strukturreformen blockieren oder im Gegenzug für Zustimmung teure Zugeständnisse verlangen. Politischer Stillstand ist keine Haushaltskonsolidierung.
Worauf die Märkte jetzt achten
Ein erstes Signal wird die Besetzung des Wirtschaftsteams für die neue Amtszeit sein. Doch Namen allein werden nicht genügen. Investoren brauchen einen überarbeiteten Fiskalrahmen, der Primärüberschüsse in einer Größenordnung vorsieht, die den Schuldenstand stabilisiert. Zielmarken dürfen nicht aufgeweicht werden, sobald sie bindend werden. Hinzukommen müssen Maßnahmen gegen die automatische Indexierung von Sozialleistungen, die starke Zweckbindung von Ausgaben und ausufernde Steuervergünstigungen sowie ein klares Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Zentralbank.Das Potenzial bleibt groß
All das ändert nichts an Brasiliens strukturellen Stärken. Das Land ist eine Agrar- und Energiemacht und zählt weltweit zu den größten Exporteuren von Sojabohnen, Rindfleisch, Kaffee, Zucker und Baumwolle. Auch die Außenwirtschaft ist robust: Ausländische Direktinvestitionen decken das Leistungsbilanzdefizit mehr als ab. Die Währung kann frei schwanken, die Arbeitslosigkeit liegt nahe historischen Tiefständen, und die Zentralbank hat ihre Glaubwürdigkeit unter Beweis gestellt. Nur wenige Schwellenländer verbinden Größe, Ressourcenreichtum und institutionelle Stärke in vergleichbarer Weise.Lula weiß aus eigener Erfahrung, was fiskalische Glaubwürdigkeit bewirken kann. In seinen ersten beiden Amtszeiten verband er Primärüberschüsse mit kräftigem Wachstum und verhalf Brasilien damit zum ersten Investment-Grade-Rating seiner Geschichte. Gelingt es ihm, zu Beginn seiner vierten Amtszeit die Schuldenquote auf einen Abwärtspfad zu bringen, könnten die Zinsen deutlich sinken, private Investitionen wieder anziehen und öffentliche Mittel verstärkt in Infrastruktur und Dienstleistungen statt in den Schuldendienst fließen. Brasilien hätte dann gute Chancen, zu einem Vorbild für Lateinamerika und andere Schwellenländer zu werden. Andernfalls bleibt es ein Land mit hervorragenden Fundamentaldaten, das zugleich einen der höchsten Realzinsen der Welt zahlt. Die nächste Korrektur würde dann eher von den Märkten erzwungen als in Brasília politisch beschlossen.
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