28.08.2006
Activest: Warten auf die Hausse
Köln, den 28.08.2006 (Investmentfonds.de) - Manchmal sind altkluge Ratschläge
doch nicht so albern: "Sell in May and go away" heißt eine altbekannte
Börsianer-Weisheit. Hätte man das in diesem Jahr nur mal getan, hätte man
doch seine Aktien verkauft und sich im Mai in den Urlaub verabschiedet! Dann
hätte man sich den Kurseinbruch gespart, der weltweit binnen sechs Wochen 2,3
Billionen Dollar vernichtete - eine höhere Summe als das deutsche Bruttosozial-
produkt von 2005. Auf der ganzen Welt gingen die Börsen in die Knie, der Dax
verlor in der Spitze rund 13 Prozent, der SDax, die dritte deutsche Börsenliga,
gar fast 20 Prozent. Globalen Leitindizes wie dem japanischen Nikkei erging
es nicht besser.
Der Israel-Libanon-Krieg und die Börse
Inzwischen haben sich die Kurse zwar wieder leicht erholt, doch den Anlegern
ist klar geworden: Die dreijährige Hausse, die den Dax von 2200 auf 6100 Punkte
katapultiert hatte, ist vorbei. Drei Entwicklungen sind schuld daran: die Lage
in Nahost, die Unsicherheit über die Entwicklung der USA und der Zinsanstieg.
Im Nahen und Mittleren Ost sorgte zuletzt - außer den weiterhin schwelenden
Konflikten um Iran und Irak - auch noch der Krieg zwischen Israel und Libanon
für Unsicherheit. Da die Region die wichtigsten Ölvorkommen beherbergt, treibt
jede Krise den Preis für den 'Schmierstoff der Weltwirtschaft' weiter in die
Höhe. Das erhöht die Kosten für viele Industriezweige und für Privatpersonen
(Stichwort: Benzinpreise) und verschlechtert die ökonomischen Aussichten. Wie
eng daher auch der Zusammenhang zwischen Ölpreis und Börsenkursen ist, zeigte
sich Mitte August: Kaum schien der Israel-Libanon-Konflikt gebannt, wurde das
Öl wieder deutlich billiger - was die Börsen mit Kursgewinnen goutierten.
Sorge um die USA
Jedoch reicht ein sinkender Ölpreis nicht, um die nächste Hausse einzuläuten:
Entscheidend ist, wie sich die USA entwickelt: Derzeit rätseln viele Ökonomen,
ob der weltgrößten Volkswirtschaft die große Rezession droht oder nicht. Dass
das Wirtschaftswachstum von zuletzt über fünf Prozent auf rund die Hälfte sinken
wird, ist absehbar. Die Frage lautet, ob eine 'weiche Landung' gelingt, oder ob
die Konjunktur abrupt einbricht. Vieles hängt vom Immobilienmarkt ab. Nach einem
mehrjährigen Boom sind die Häuserpreise zuletzt deutlich gefallen. Das ist
problematisch, da viele US-Bürger in den letzten Jahren nur so exzessiv
konsumierten, weil sie sich - aufgrund ihrer immer wertvolleren Immobilien - so
wohlhabend fühlten. Der Konsum wurde zur wichtigsten Triebfeder des Aufschwungs.
Das zweite Problem: Viele Amerikaner nahmen Kredite auf, weil die Zinsen lange
so tief standen, und finanzierten damit neue Anschaffungen. Nun schmerzt sie
angesichts steigender Zinsen die Kreditbelastung - auch das hemmt den Konsum und
gefährdet die gesamte US-Wirtschaft.
Wenig Hoffnung auf Zinssenkung
Die US-Notenbank Fed müsste die Leitzinsen nun schon sehr deutlich reduzieren,
um die Konjunktur wieder anzutreiben. Geringe Zinsen lassen die Börsen und die
Wirtschaft grundsätzlich jubeln, denn sie reduzieren die Kreditkosten für die
Konzerne und steigern damit ihre Gewinnaussichten. Doch zuletzt war der US-Leitzins
aus Inflationssorgen 17 Mal in Serie angehoben worden, was die Aktienbaisse
verstärkte. Und die Fed wird sich hüten, um der Börsenkurse willen Zinsen zu
senken. Denn erstens versucht sich der neue Notenbank-Chef Ben Bernanke gerade
einen Ruf als berechenbarer und gradliniger Nachfolger von Fed-Guru Alan Greenspan
zu erarbeiten. Zweitens sind die Inflationsrisiken, die Bernanke zu hohen Leitzinsen
zwingen, immer noch vorhanden.
Es besteht Hoffnung
Wie schwer sich derzeit sogar Börsenkenner tun, künftige Kursentwicklungen
einzuschätzen, sieht man an ihren Dax-Prognosen: Die gehen wie ein aufgefächertes
Pfauenrad zwischen 5000 und 6500 Punkte zum Jahresende auseinander. Allerdings
gibt es wieder Hoffnung: Deutschen Aktien etwa sind immer noch preiswert. Das
Kurs-Gewinn-Verhältnis, das angibt, wie hoch der Börsenwert einer Firma im Vergleich
zu ihrem Jahresgewinn ist, liegt bei Dax, MDax und SDax unter dem historischen
Mittel und hat sich seit 2003 kaum verändert. Das heißt: Die Kurse sind zwar
gestiegen, aber die Hausse hat nur den Gewinnzuwachs der Firmen widergespiegelt.
Teurer als vor drei Jahren sind die Papiere de facto nicht, viele Dax-Werte sind
sogar so preiswert wie seit über zehn Jahren nicht mehr.
Kein Vergleich zum New-Economy-Crash
Der Kursrückgang kam außerdem rechtzeitig. Denn nach drei Jahren Hausse hatte
mancher schon wieder von neuen Allzeitrekorden bei Dax & Co geträumt. Doch nie
wurde solch eine irrationale Übertreibung erreicht wie vor dem Platzen der New-
Economy-Blase im Frühjahr 2000. Dementsprechend kann der Kater nun auch nicht so
arg sein. Im Gegenteil: Den Crash der Jahrtausendwende haben viele Anleger noch
nicht vergessen und reagieren sensibler auf Kursübertreibungen. Daher ist die
Gefahr einer gefährlichen Börsen-Blase nun deutlich geringer. Außerdem basieren
fast alle Kursanstiege heute auf tatsächlichen Firmengewinnen und nicht auf
hypothetischen Internet-Tagträumen wie anno 2000.
Aufschwung im Spätherbst
Und auch die Zinsen erscheinen auf den zweiten Blick gar nicht als so Besorgnis
erregend hoch: Zwar ist die Umlaufrendite, das Maß für das durchschnittliche
Zinsniveau am Anleihenmarkt, zuletzt deutlich gestiegen, doch liegt sie weiterhin
unter dem Schnitt der letzten zehn Jahre. Die Kreditbelastung der Firmen bleibt
also moderat. Wann die Kurse wieder nachhaltig anziehen, wagt derzeit fast niemand
zu prophezeien: Gespannt warten viele Anleger auf die nächste Sitzung der US-
Notenbank im September und die Entwicklung in Israel. Manche blicken auch in die
Vergangenheit, lehrt die doch, dass Dax-Korrekturen seit 1970 im Schnitt fast ein
halbes Jahr dauerten. Nachdem die Kurse Mitte Mai einbrachen, würde erst im späten
Herbst wieder Ruhe an den Börsen einziehen. Quasi als Auftakt zur Jahresendrallye.
Quelle: Investmentfonds.de