HSBC: Einschätzung zur aktuellen Lage in China
Mandy Chan, Investment-Direktorin, Aktien
Köln, den 07.06.2011 (Investmentfonds.de) - F: Einem Pressebericht zufolge hat
China die Kapitaladäquanzquote für die fünf großen Banken des Landes angehoben.
Wird sich diese Vorgabe auf die Profitabilität der Banken auswirken? Sind Sie
im Bankensektor immer noch übergewichtet?
A: Chinas Bankenaufsicht fordert von den fünf größten Banken eine Quote für eine
angemessene Eigenkapitalausstattung von 11,5 Prozent. Einem Pressebericht zufolge
soll sie die Quote auf 11,8 Prozent erhöht haben. Unabhängig davon, ob der Bericht
stimmt oder nicht, kann am Ende des ersten Quartals 2011 die Gesamtquote der großen
Banken die erhöhten Anforderung von 11,8 Prozent erfüllen. Oder die Banken können
sie durch die Emission nachrangiger Schuldtitel erfüllen. Daher sind wir nicht
besorgt, dass die großen Banken zusätzliche Gelder am Markt aufnehmen müssen. Bei
den kleineren Banken hingegen erwartet der Markt sehr wohl eine Kapitalaufnahme, da
ihre Kapitaladäquanz unter dem Minimum von 11,8 Prozent liegt. Sie haben bis
Ende 2016 Zeit, um diese Quote zu erreichen. Auch wenn die kleineren Banken von nun
an bis 2016 mehr Geld aufnehmen müssen, erwarten wir nicht, dass dadurch die
Aktienkurse der Großbanken unter Druck geraten.
Wir ziehen den Bankensektor insgesamt weiterhin vor, da die Bewertungen im Vergleich
zum Gesamtmarkt sehr niedrig sind. Zudem halten wir chinesische Bankaktien trotz
der Marktvolatilität und der Sorge um das globale Wirtschaftswachstum für defen-
siver als Sektoren mit einem höheren Beta wie Rohstoffe und Immobilien. Bankaktien
haben den Gesamtmarkt bei der Performance in diesem Jahr klar geschlagen. Daher
bleiben wir hier übergewichtet. Nichtsdestotrotz werden wir wahrscheinlich unsere
Übergewichtung zurückfahren, wenn die Banken ihre Ergebnisse für die erste Jahres-
hälfte präsentiert haben. Die Nettozinsspanne der Banken könnte in der zweiten
Jahreshälfte leicht zurückgehen, da die Regierung den Mindestreservesatz wohl
weiter anheben wird. Seit 2010 hat sie den Satz elf Mal und die Zinsen vier Mal
erhöht, um die Inflation unter Kontrolle zu bringen und überschüssige Liquidität
vom Markt abzuschöpfen. Dennoch schätzen wir den Bankensektor auf lange Sicht.
F: Nach der dritten Runde von verschärfenden Maßnahmen im Immobiliensektor haben
die Umsätze dort nachgelassen. Wie schätzen Sie die Perspektiven des Marktes ein?
A: Wir begegnen dem Sektor schon seit Ende vergangenen Jahres mit Vorsicht. Wir
haben erwartet, dass die Regierung ihre Maßnahmen verschärfen wird, um den Anstieg
der Immobilienpreise zu stoppen und den Inflationsdruck zu reduzieren. Die Regierung
hat seitdem Restriktionen für den Immobilienerwerb in 30 Städten erlassen, die
sich auf die Immobilientransaktionen im ganzen Land auswirken. Seit die Auflagen
im Februar verkündet wurden, sind die Immobilienverkäufe in einigen Städten zurück-
gegangen. Unsere präferierten Immobiliengesellschaften haben allerdings viele
Projekte in B- und C-Städten. Die Immobiliennachfrage bleibt an diesen Standorten
hoch, da die Preise dort weit hinter denen der A-Städte liegen. Für alle
Immobiliengesellschaften im Fonds erwarten wir ein zweistelliges Umsatzwachstum
in diesem Jahr. Tatsächlich haben die Unternehmen bereits 70 Prozent ihres Umsatz-
ziels für dieses Jahr erreicht, so dass die Gewinnaussichten relativ hoch sind.
F: Die Rohstoffpreise haben kürzlich korrigiert. Hat der Rohstoffzyklus seinen
Höhepunkt erreicht, und sind Sie noch zuversichtlich für den Zementsektor?
A: Wir glauben, dass die Korrektur der globalen Rohstoffpreise – vor allem der
Edelmetallpreise – auf die kurzfristige Erholung des US-Dollars zurückzuführen
ist. Der Kauf von Rohstoffen ist dadurch teurer geworden, da sie in USDollar
gehandelt werden. Trotz der Korrektur sind die Zementpreis in China im April
weiter gestiegen. Daher rechnen wir auch künftig mit einem Anstieg des Brutto-
ertrags bei den Zementfirmen. Eine Reihe von Zementunternehmen musste ihre Produktion
vorübergehend aussetzen. Aufgrund der Dürre konnte in einigen Provinzen die Energie-
versorgung nicht aufrecht erhalten werden. Das hat das Zementangebot in China
weiter verknappt, und die Preise sind in der Folge gestiegen.
Wir sind zuversichtlich, dass der Sektor immer noch viel Potenzial für Gewinnwachs-
tum bietet. Denn die Bewertungen sind nicht übertrieben: Zementaktien werden zu
einem einstelligen Kurs-Gewinn-Verhältnis gehandelt. Die Gewinne haben sich seit
vergangenem Jahr aber bereits verdoppelt. Aufgrund all dessen halten wir den Sektor
weiterhin für äußerst attraktiv.
F: Welches Segment im Konsumsektor bietet am meisten Wachstumspotenzial? Wie
steht es um den Luxus-Sektor?
A: Die Wachstumsrate bei den Einzelhandelsumsätzen ist sehr stabil. In den vergan-
genen zwei Jahren lag die Steigerungsrate gegenüber dem Vorjahresmonat immer bei
15 bis 20 Prozent. Tatsächlich war bisher unter den makroökonomischen Schlüssel-
faktoren des Landes das Umsatzwachstum im Einzelhandel einer der stabilsten
Faktoren. Andere Faktoren wie der Export oder die Anlageinvestitionen schwanken
hingegen stärker, da sie von politischen Entscheidungen abhängig sind.
Gleichzeitig bleibt die Sparrate in China auf einem hohen Stand im zweistelligen
Bereich. Bei den Reichsten liegt sie sogar zum Teil über 63 Prozent. Aufgrund
des starken und stabilen Umsatzwachstums im Einzelhandel und der hohen Sparrate
halten wir den Luxus-Sektor weiterhin für äußerst attraktiv. Wir glauben, dass
Investoren auch künftig bereit sein werden, für Aktien dieses Sektors eine Prämie
zu zahlen.
F: Zurzeit ist noch nicht sicher, wann sich der geldpolitische Kurs der Regierung
ändert. Ist jetzt trotzdem ein guter Einstiegszeitpunkt am Aktienmarkt?
A: Chinesische Aktien sind sehr attraktiv bewertet. Wir erwarten, dass die Inflation
im Zeitraum von Juni bis August ihren Höhepunkt erreichen wird. Als Folge könnte
der geldpolitische Kurs wieder gelockert werden. Sobald die Regierung das Ende der
Straffung signalisiert, könnte sich der Aktienmarkt in der zweiten Jahreshälfte
kräftig erholen. Die Sorge, dass das Wachstum nachlassen könnte, hat den Markt
schwächeln lassen. Aber gerade jetzt sehen wir kaum Gewinnrisiken für jene Aktien
oder Sektoren, die wir bevorzugen – wie Zement- oder Immobiliengesellschaften.
Sobald sich bestätigt, dass die Inflation ihren Höhepunkt erreicht hat, ist ein
guter Zeitpunkt, um verstärkt solche Aktien zu kaufen, die während der Korrektur
runtergegangen sind.
F: Der HSBC GIF Chinese Equity Fonds lag im Performance-Vergleich für den Zeitraum
von Jahresanfang bis Ende April im ersten Quartil*. Was hat zu dieser starken
Performance beigetragen, und welche Änderungen haben Sie vorgenommen, seit Sie den
Fonds am Jahresanfang übernommen haben?
A: Die Outperformance ist auf die Bottom-up-Einzeltitelauswahl zurückzuführen. Im
Portfolio sind einige sehr starke Aktienwetten, die aufgegangen sind. Zudem haben
die von uns zu Jahresanfang bevorzugten Sektoren wie Banken, Zement und alternative
Energien zur überdurchschnittlichen Entwicklung beigetragen. Zu Jahresbeginn
glaubte kaum jemand, dass das Gewinnwachstum dieser Sektoren positiv überraschen
könnte. Bei Gewinnrevisionen liegen wir klar über dem Markt. Unsere Untergewichtung
des Telekommunikationssektors war ebenfalls hilfreich.
Disclaimer: Diese Meldung ist keine Empfehlung zu einer Fondsanlage und keine individuelle Anlageberatung. Vor jeder Geldanlage in Fonds sollte man sich über Chancen und Risiken beraten und aufklären lassen. Der Wert von Anlagen sowie die mit ihnen erzielten Erträge können sowohl sinken als auch steigen. Unter Umständen erhalten Sie Ihren Anlagebetrag nicht in voller Höhe zurück. Die in diesem Kommentar enthaltenen Informationen stellen weder eine Anlageempfehlung noch ein Angebot oder eine Aufforderung zum Handel mit Anteilen an Wertpapieren oder Finanzinstrumenten dar.
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