AllianceBernstein | Krieg, Öl, Inflation: Defensive Aktien haben bei Energieschocks seit 1973 die Nase vorne
Kent Hargis, Chief Investment Officer im Strategic Core Equities-Team bei AllianceBernstein
Investmentfonds.de - Die Aktienärkte geraten wegen der derzeitigen geopolitischen Risiken unter Druck. Vor allem Anleger werden nervös aufgrund der akuellen Ereignisse - viele denken über einen Rückzug aus dem Markt nach. Doch das ist der falsche Weg.
Krieg, Ölpreis, Inflationssorgen: Die Märkte reagieren nervös auf die neuen geopolitischen Risiken. Nicht wenige Anleger denken über einen Rückzug aus dem Markt nach, sagt Kent Hargis, Chief Investment Officer of Strategic Core Equities bei AllianceBernstein. Das ist ein falscher Weg. Ein Blick auf vergangene Energiekrisen zeigt, dass es sich vielmehr auszahlen könnte, auf defensive Aktien zu setzen. Inwiefern die Ängste vor einer Stagflation berechtigt sind – und wie sich die Titel identifizieren lassen, die auch im aktuellen Marktumfeld Widerstandsfähigkeit beweisen, erläutert der Experte in folgendem Marktkommentar.
Die Aktienmärkte geraten angesichts wachsender Sorgen um den Konflikt im Iran und dessen Auswirkungen auf die Energiepreise und die Inflation unter Druck. Für Anleger, die Schutz vor Volatilität und steigenden Preisen suchen, kann eine defensive Strategie stabilisierend wirken. Tatsächlich deuten Untersuchungen von AllianceBernstein darauf hin, dass defensive Aktien bei jedem größeren Energieschock seit 1973 eine bessere Performance erzielt haben als der Gesamtmarkt.
Die Gesamtinflation steigt
Tatsächlich müssen Anleger nicht lange nach Anzeichen für Inflation suchen. Am 21. April wurden Brent-Rohöl-Futures bei knapp unter 100 US-Dollar pro Barrel gehandelt – ein Anstieg von mehr als 60 Prozent im Jahresvergleich. Und in den USA ist der Durchschnittspreis für eine Gallone bleifreies Benzin zum ersten Mal seit vier Jahren über vier US-Dollar gestiegen. Und es gibt noch weitere Warnsignale, die über die offizielle Inflationsrate hinausgehen. So ist beispielsweise auf dem Rohstoffmarkt das Kupfer-Gold-Verhältnis im letzten Monat um 4,5 Prozent gesunken. Kupfer ist ein klassischer Wachstumsindikator, und wenn sein Preis im Verhältnis zu Gold fällt, signalisiert der Markt oft, dass sich die Wachstumserwartungen verschlechtern. Darüber hinaus steigen die realen (inflationsbereinigten) Anleiherenditen, die Fed hält sich mit Zinssenkungen zurück, und wir beobachten eine zunehmende Divergenz der Ölpreise im Vergleich zu Aktien. All dies sind klassische Anzeichen für ein Inflationsschock-Muster.Anhaltende Steigerungen der Energiekosten könnten die Inflation weiter in die Höhe treiben und die Aussichten für die Zinssätze in einer Zeit erschweren, in der die Märkte mit geldpolitischer Entlastung rechneten. Die Inflation könnte wiederum das Wirtschaftswachstum dämpfen und möglicherweise zu Stagflation führen – dem seltenen, aber gefürchteten Zusammentreffen von erhöhter Inflation und hoher Arbeitslosigkeit.
Konflikts im Nahen Osten für zu Volatilität
Seit Beginn des Konflikts im Iran Ende Februar unterliegen die globalen Aktienmärkte starken Schwankungen. Aufgrund der Spannungen rund um die Straße von Hormus kam es wiederholt zu Abverkäufen von Aktien. Umgekehrt löste der am 7. April verkündete fragile Waffenstillstand eine Kursrallye aus, auch wenn die Unsicherheit in Bezug auf die Energiemärkte und die Risikobewertung weiterhin besteht.In volatilen Zeiten wie diesen löst die Besorgnis bei Anlegern oft das Bedürfnis aus, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Dennoch: Auf Schlagzeilen mit hektischen Umschichtungen zu reagieren, ist selten eine tragfähige Anlagestrategie. Eine Reduzierung des Aktienengagements kann kontraproduktiv sein, da es nahezu unmöglich ist, Wendepunkte am Markt vorherzusagen. Die Herausforderung besteht darin, eine Strategie zu finden, die hilft, auch in Phasen der Volatilität – und darüber hinaus – investiert zu bleiben.
Defensive Aktien übertreffen in Energiekrisen Gesamtmarkt
Erfahrungsgemäß ist einer der wirksamsten Ansätze zur Bewältigung der Inflation darin, Aktien mit soliden defensiven Eigenschaften, attraktivem Aufwärtspotenzial und einer Erfolgsbilanz bei der Abwehr der zersetzenden Auswirkungen der Preissteigerung zu identifizieren. All diese Merkmale finden sich in den Aktien von Qualitätsunternehmen mit niedrigem Beta – also einer geringen Korrelation zum Markt – und attraktiven Bewertungen. Gemeint sind Unternehmen mit solider Bilanz, stabilen Geschäftsmodellen, geringerer Kurssensitivität und zugleich vernünftiger Bewertung. Beispiele hierfür sind Banken, Lebensmittelketten, Rüstungsunternehmen und Pharmaunternehmen.Aktien dieser Unternehmen weisen in Inflationsphasen eine besonders starke Erfolgsbilanz auf. In vier verschiedenen Ölkrisen übertrafen defensive Aktien den Gesamtmarkt um durchschnittlich 9,5 Prozent. Darüber hinaus korrelierte das Ausmaß dieser Outperformance eng mit der Inflation. Je höher die Inflation – gemessen am Verbraucherpreisindex – war, desto stärker übertrafen defensive Aktien den S&P 500 (Grafik 1). Das bedeutet nicht, dass defensive Aktien immer positive Renditen erzielt haben. Im Falle des Russland-Ukraine-Kriegs 2022 war die kumulierte Rendite defensiver Aktien negativ. Dennoch übertrafen defensive Aktien den Gesamtmarkt in dieser Zeit um rund 8 Prozent.
Defensive Aktien dienen nicht nur dazu, die Inflation auszugleichen
Was passiert, wenn sich der Krieg beruhigt und die Inflationsängste nachlassen? Müssen defensiv ausgerichtete Anleger ihre Positionen dann auflösen? Nicht unbedingt. Die Untersuchungen von AllianceBernstein zeigen, dass defensive Aktien auch in Zeiten ohne Inflation eine Outperformance gegenüber dem Gesamtmarkt erzielten. Über einen Zeithorizont von sechs und zwölf Monaten in Phasen ohne Energieschock übertrafen dieselben Titel den S&P 500 um 2,1 Prozent bzw. 4,5 Prozent (Grafik 2).Ein wichtiger Grund für diese Outperformance ist, dass defensive Aktien bei Marktabschwüngen tendenziell weniger verlieren. Da sie auf dem Weg nach unten nicht so viel verloren haben, müssen sie bei einer Markterholung weniger Boden wiedergutmachen. Und da defensive Aktien nach einem Abschwung möglicherweise von einer höheren Basis aus starten, sind sie besser positioniert, um bei nachfolgenden Aufschwüngen Renditen zu erzielen. Eine selektive defensive Aktienstrategie, die gezielt in solche Titel investiert, kann dem zufolge im Laufe der Zeit gleichmäßigere langfristige Performanceverläufe erzielen – zumindest legen dies vergangene Energiekrisen nahe.
Auch wenn der Verlauf und die Dauer eines möglichen Inflationsanstiegs noch ungewiss sind, wird der Ölschock sowohl bei Verbrauchern als auch bei Unternehmen spürbar sein, und es sieht nicht so aus, als würde die Inflation in nächster Zeit nachlassen. Ein defensives Portfolio, das Widerstandsfähigkeit gegenüber Volatilität und Inflation bietet, könnte Anlegern jedoch helfen, weitere Preissteigerungen souverän abzufedern.
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