Cambridge Associates | Europäische Aktien: Banken und Industrie treiben die Gewinnerholung
Graham Landrith, Associate Investment Director im Investment Strategy Research Team von Cambridge Associates
Investmentfonds.de - Die Unternehmensgewinne in Europa haben sich in den vergangenen Jahren deutlich erholt. Nachdem die Gewinne je Aktie im MSCI Europe Index zwischen 2009 und 2021 insgesamt zurückgegangen waren, stiegen sie seit 2021 im Durchschnitt um 8 % jährlich. Gleichzeitig verbesserte sich die Eigenkapitalrendite von durchschnittlich 10 % auf 15 %, ohne dass die Unternehmen dafür ihre Verschuldung erhöhen mussten. Besonders Banken und Industrieunternehmen trugen mit einem durchschnittlichen jährlichen Gewinnwachstum von jeweils 11 % zur Erholung bei. Für 2026 wurden die Gewinnwachstumserwartungen seit Jahresbeginn um mehr als acht Prozentpunkte auf 21 % angehoben. Dazu haben auch höhere Gewinne rohstoffnaher Unternehmen infolge des Iran-Kriegs beigetragen.
Landrith sieht insbesondere für europäische Banken weiterhin gute Perspektiven. Sie verfügen heute über eine stärkere Kapitalausstattung und weniger notleidende Kredite als in den Jahren nach der Finanzkrise. Zugleich profitieren sie von höheren Zinsen und einer steigenden Kreditnachfrage. Seit 2021 sind die Zinsüberschüsse großer europäischer Banken um mehr als 40 % gestiegen, während das Kreditvolumen um 10 % zulegte. Auch Industrieunternehmen und Versorger dürften von höheren Investitionen in Verteidigung, Infrastruktur, Energieversorgung und Elektrifizierung profitieren. Ende September lag das erwartete Gewinnwachstum für die kommenden zwölf Monate bei europäischen Finanzwerten bei 15 %, bei Industrieunternehmen bei 12 % und bei Versorgern bei 8 % – jeweils deutlich über ihren langfristigen Durchschnittswerten.
Auch vom weltweiten KI-Investitionsboom profitiert Europa. Unternehmen wie ASML und Siemens liefern wichtige Technologien und Komponenten für die Halbleiterproduktion, Automatisierung und den Ausbau von Rechenzentren. Allerdings macht der Technologiesektor nur rund 10 % des MSCI Europe Index aus, verglichen mit etwa 33 % im MSCI All Country World Index. Diese geringere Gewichtung hat in den vergangenen Jahren zur schwächeren Entwicklung europäischer Aktien beigetragen. Sie könnte Europa bei einem Rückgang der hohen Technologiebewertungen aber auch widerstandsfähiger machen. Ein deutlicher Rückgang der weltweiten KI-Investitionen würde allerdings auch europäische Zulieferer belasten.
Risiken für die weitere Erholung sieht Landrith vor allem in anhaltend hohen Energiepreisen, steigenden Finanzierungskosten und politischen Unsicherheiten. Als Nettoimporteur von Energie ist Europa besonders anfällig für dauerhaft hohe Energiepreise, die Unternehmensmargen und Nachfrage belasten könnten. Hinzu kommen höhere Transportkosten und der zunehmende Wettbewerb aus China. Auch die angespannte Haushaltslage Frankreichs birgt Risiken. Die zuletzt gestiegenen Renditen französischer Staatsanleihen wertet der Analyst allerdings eher als Ausdruck länderspezifischer Risiken und nicht als Anzeichen einer breiteren europäischen Schuldenkrise. Dafür sprechen die inzwischen robusteren Bankbilanzen und das Ausbleiben größerer Verwerfungen an den Kreditmärkten.
Trotz dieser Risiken erwartet Landrith, dass sich die Erholung der europäischen Unternehmensgewinne fortsetzt. Während Banken von höheren Zinsen und einer stärkeren Kreditnachfrage profitieren, dürften Industrieunternehmen und Versorger durch steigende Investitionen zusätzlichen Rückenwind erhalten. Die im Vergleich zu den USA günstigere Branchenstruktur für das aktuelle Marktumfeld und die verbesserten Fundamentaldaten sprechen aus seiner Sicht auch für europäische Aktien und den Euro. Der Analyst bekräftigt deshalb seine Präferenz für eine Übergewichtung globaler Aktien außerhalb der USA gegenüber US-Aktien über einen Anlagehorizont von drei bis fünf Jahren.
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