abrdn | Wahlen in Brasilien: Ein Kopf-an-Kopf-Rennen, doch die Parlamentswahl ist noch relevanter
Victor Szabo, Investment Director, Emerging Market Debt bei Aberdeen Investments
Investmentfonds.de - Frankfurt a. Main, 02.10.2026 - Am 4. Oktober finden in Brasilien die Parlamentswahlen statt. Die Stichwahl um das Präsidentenamt folgt am 25. Oktober, bei der nach aktuellen Umfragen mit ziemlicher Sicherheit Präsident Luiz Inácio Lula da Silva und Senator Flávio Bolsonaro gegeneinander antreten werden. Die Umfragen deuten auf ein statistisches Patt hin.
Brasiliens Verhältniswahlsystem mit offenen Listen führt regelmäßig zu einer zersplitterten Abgeordnetenkammer mit mehr als zwanzig Parteien. Die Zusammensetzung des nächsten Kongresses wird maßgeblich darüber entscheiden, ob der künftige Präsident eine fiskalische Konsolidierung tatsächlich gesetzgeberisch durchsetzen kann oder lediglich entsprechende Ankündigungen macht. Für Anleiheinvestoren könnte die Sitzverteilung im Kongress daher die wichtigere Kennzahl sein als das Ergebnis der Präsidentschaftswahl selbst.
Starke Wirtschaft, teure Regierung
Die Wirtschaft Brasiliens befindet sich nicht in einer Krise und die Zentralbank hat ihre Glaubwürdigkeit wiederhergestellt. Der geldpolitische Ausschuss senkte den Leitzins im September auf 13,75 % - die fünfte Zinssenkung in Folge um jeweils 25 Basispunkte. Hintergrund ist, dass sowohl die Gesamtinflation als auch die Kerninflation zurückgegangen sind und inzwischen unter der Obergrenze des Inflationszielkorridors liegen.Das eigentliche Problem liegt im Staatshaushalt. Die Bruttoverschuldung des Staates erreichte im Juli 82,5 % des BIP. Auf 12-Monatssicht liegt die aktuelle Zinslast bei 8,8 % des BIP – ein außergewöhnlich hoher Wert selbst im internationalen Vergleich.
Ein großer Teil der brasilianischen Schulden ist an den Leitzins gekoppelt, sodass die Zinsbelastung sehr sensibel auf Änderungen des Zinsniveaus reagiert – sowohl nach oben wie nach unten. Dennoch bleibt der Primärsaldo negativ, und die Schuldenquote wird sich nicht allein durch sinkende Zinsen stabilisieren lassen. Beide Seiten dieser Gleichung müssen sich verändern.
Was hohe Zinsen bedeuten
Finanzierungskosten in dieser Größenordnung sind keine abstrakte Größe. Bei einem Leitzins von 13,8 % und einem Realzins von nahezu 9 % werden Kredite nicht mehr marktgerecht bepreist, sondern faktisch rationiert. Hoch verschuldete Unternehmen refinanzieren sich zu prohibitiv hohen Spreads, Investitionsausgaben werden aufgeschoben und die konsumorientierten Sektoren wie Einzelhandel, Wohnungsbau und die Automobilindustrie tragen einen Großteil der Last der Anpassung. Die privaten Haushalte sehen sich mit einigen der teuersten Verbraucherkrediten der Welt konfrontiert. Derselbe Zinssatz, der die Währung stabilisiert, bremst die Investitionen, um die Wachstumsrate anzuheben.Die Agenda – und der mögliche Gewinn
Die primäre Aufgabe der nächsten Regierung wird darin bestehen, die Schuldenquote auf einen glaubwürdigen Abwärtspfad zu bringen. Reformen sind notwendig, um einen Primärüberschuss dauerhaft zu sichern und nicht nur auf ein einziges Jahr zu beschränken.Eine glaubwürdige Haushaltskonsolidierung senkt die Risikoprämie. Eine niedrigere Prämie ermöglicht es der Zentralbank, die Zinsen weiter und schneller zu senken, ohne das Inflationsziel zu gefährden. Niedrigere Zinsen senken die Zinslast. Dadurch entsteht ein sich selbst verstärkender Prozess. Das schafft finanzpolitischen Spielraum für öffentliche Investitionen und staatliche Dienstleistungen sowie geldpolitischen Spielraum für private Investitionen. Genau diese Dynamik könnte das Wachstum ermöglichen, das Brasilien seit rund einem Jahrzehnt vermisst.
Doch auch der umgekehrte Weg verstärkt sich selbst: Bei unveränderter Politik steigt die Schuldenquote weiter an, wird die Zinslast einen immer größeren Teil des Staatshaushalts verschlingen und die Märkte weiterhin einen hohen Risikoaufschlag für die anhaltende Unsicherheit verlangen.
Letztendlich entscheidet Brasilien am 25. Oktober darüber, wer überhaupt in der Lage sein wird, diese wirtschaftspolitischen Entscheidungen zu treffen. Ebenso wichtig ist deshalb die Kongresswahl, denn sie bestimmt, wie groß der politische Handlungsspielraum der künftigen Regierung sein wird. Für Investoren bedeutet das: Die Entwicklung in der Abgeordnetenkammer und im Senat sollte ebenso aufmerksam verfolgt werden wie der Ausgang der Präsidentschaftswahl selbst. Der Schlüssel zur wirtschaftlichen Zukunft Brasiliens liegt nicht allein im Präsidentenamt, sondern in der Fähigkeit, im Kongress eine tragfähige Mehrheit für fiskalische Reformen zu organisieren.
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