03.08.2004
Für Anleger sind die US-Wahlen bereits entschieden
Köln, den 03.08.2004 (Investmentfonds.de) - Nachdem John Kerry auf dem Parteitag der
Demokraten am 29. Juli sein Programm vorgestellt hat, sind die Meinungsforscher so schlau
wie zuvor. Noch weiß niemand, wie die Wahl um das US-Präsidentenamt am 2. November aus-
gehen wird. Doch für Fondsanleger sind die Wahlen längst entschieden, sagt Ulrich
Harmssen, Geschäftsführer von Fonds Select Worpswede. Denn keiner der beiden Kandidaten
wird kurz- bis mittelfristig eine Besserung der Lage an der US-Börse herbeiführen.
Die US-Präsidentschaftswahl geht in ihre heiße Phase – auch für Analysten und Aktienpro-
pheten. Während sich George W. Bush und sein Herausforderer John Kerry laut Meinungs-
umfragen ein Kopf-an-Kopf-Rennen liefern, überbieten sich Finanzexperten in Analysen,
die die Auswirkungen des US-Wahlkampfs auf die Aktienmärkte untersuchen. Ulrich Harmssen,
Geschäftsführer des Makler-Pools Fonds Select Worpswede, rät Investoren, sich bei ihren
Entscheidungen im Wahljahr nicht von Vergangenheitsvergleichen beeinflussen zu lassen.
„Am US-Aktienmarkt überwiegen zurzeit die Risiken vor den Chancen“, sagt der Berater der
drei Dachfonds Fonds Select Aggressive, Fonds Select Systematic und Fonds Select
Defensive.
„Auf die Börsenweisheit ‚Wahljahre sind gute Aktienjahre’ sollten sich Anleger nicht
verlassen. Das wäre, wie wenn man sich im August trotz Sturmwarnung und Gewitterwolken in
der Badehose an den Strand legt – einfach, weil es doch schließlich Sommer ist.“
Wahljahre sind gute Börsenjahre?
Anhand von Begriffen wie „Präsidentschafts-Zyklus“ und „Honeymoon-Rally“ belegen Vergangen-
heitsberechnungen, dass die US-Börse in Wahljahren im Schnitt besonders gute Ergebnisse
bringt. Doch bereits bei der letzten Wahl erlitten Anleger eine Bauchlandung, wenn sie da-
rauf vertrauten, dass es dem amtierenden Präsidenten stets gelingt, mit Konjunkturstimu-
lierenden Maßnahmen zum Wahltag für eine positive Aktienbilanz zu sorgen: Der US-Aktien-
index Dow Jones Industrial Average verlor im Wahljahr 2000 6,2 Prozent, die Technologie-
börse Nasdaq sogar 39,3 Prozent. Dabei liegt seit Gründung des Dow Jones im Jahr 1896 die
statistische Wahrscheinlichkeit für eine negative Jahresbilanz lediglich bei 20 Prozent.
Aller Voraussicht nach wird George W. Bush der erste Präsident nach Gerald Ford (1974 –
1977) sein, der seine vierjährige Amtszeit mit einer negativen Börsenbilanz beendet. Dass
die US-Börse auch das Wahljahr 2004 mit einem Verlust abschließen wird, hält Harmssen
ebenfalls für wahrscheinlich. Seit dem 2. Januar 2004 verzeichnete der Dow Jones bereits
ein Minus von 2,6 Prozent. (Stand: 02.08.2004) „Anleger gehen am US-Aktienmarkt zurzeit
hohe Risiken ein, die in den aktuellen Unternehmensbewertungen bei weitem nicht eingepreist
sind“, sagt Harmssen.
Besonders problematisch sieht der Fonds-Berater angesichts des steigenden Zinsniveaus
die hohe private Verschuldung. „Wir befürchten, dass die Immobilienblase bald platzt.
Denn anders als die deutschen Häuslebauer vereinbaren die Amerikaner in Zeiten steigender
Zinsen meist flexible Hypothekenzinsen, da diese zu besonders günstigen Konditionen ange-
boten werden. Wenn die Amerikaner diese Kredite aufgrund kommender Zinsanpassungen nicht
mehr bedienen können, wird ihr privater Konsum dramatisch einbrechen. Und damit versagt
dann der wichtigste Motor der amerikanischen Wirtschaft.“
Sind Demokraten gut für die Börse?
Dass die US-Börse die Demokraten liebt, ist eine andere Börsenweisheit, die zurzeit ver-
schiedene Studien belegen. Demnach hat der amerikanische Aktienmarkt unter demokratischen
Präsidenten im Schnitt besser abgeschnitten als unter Republikanern.
Auch aus dieser Statistik sollten Anleger keine Regel ableiten, so Harmssen. Genau so
wenig wie aus der Tatsache, dass die großen amerikanischen Investmenthäuser wie Merrill
Lynch, Morgan Stanley und Goldman Sachs für den amtierenden Präsidenten im großen Umfang
Spenden eingesammelt haben. Die breite Unterstützung durch die Finanzbranche ist laut
Harmssen kein Zeichen dafür, dass eine Wiederwahl die Aktienkurse beflügeln würde: „Die
Bush-Wahlkampfhelfer in der Investmentbranche hoffen nicht vorrangig auf steigende Börsen-
kurse durch eine Wiederwahl. Sondern sie spekulieren einfach auf zusätzliche Einnahme-
quellen durch eine Fortsetzung der Bush-Politik.“
So wollen die Republikaner nicht nur langfristig die Steuern auf Dividenden und Spekula-
tionsgewinne abschaffen. Sondern sie stellen der Finanzbranche mit ihren Plänen für die so
genannten „Lifetime Saving Accounts“, einem steuerlich subventionierten Sparkonto für jeden
Amerikaner, ein neues lukratives Geschäftsfeld in Aussicht.
„Für die Attraktivität des amerikanischen Aktienmarkts macht es kurz- bis mittelfristig
keinen Unterschied, ob der Präsident ab 2. November John Kerry heißt oder weiterhin George
Bush“, sagt Harmssen. „Keiner der Kandidaten hat ein Medikament gegen die akuten Krank-
heiten der amerikanischen Wirtschaft: die hohe staatliche wie auch private Verschuldung und
die negative Leistungsbilanz.“ Auch wenn Kerry Hoffnung verbreitet, mittels höherer Steuer-
einnahmen das Staatsdefizit senken zu können: Bei einem Wahlsieg des Demokraten werden, so
Harmssen, die Republikaner ihre Mehrheit im Kongress nutzen, um Kerry daran zu hindern,
dass er die großzügigen Steuergeschenke von George Bush an die amerikanische Oberschicht
wieder rückgängig macht.
Rohstoff-, Automobil- und Pharmabranche fürchten Regierungswechsel
Zwar hat der Wahlausgang laut Harmssen keinen Einfluss auf die optimale Gewichtung ameri-
kanischer Aktien im Portfolio. Die Zusammensetzung ihres Aktien- oder Aktienfonds-Depots
sollten zumindest kurz- bis mittelfristig orientierte Anleger jedoch je nach persönlicher
Wahlprognose einer Prüfung unterziehen. Harmssen: „Verlierer bei einem Regierungswechsel
wären voraussichtlich Rohstoff- und Automobilwerte, die unter der angekündigten Ver-
schärfung der Emissions-Gesetze leiden würden.
Entsprechend interessant sind für alle Anleger, die an einen Sieg Kerrys glauben, Fonds,
die auf erneuerbare Energien setzen, wie zum Beispiel der Merrill Lynch New Energy Fund.“
Pharma-Fonds mit US-Schwerpunkt sollten Anleger für den Fall eines Kerry-Siegs auf die
Verkaufsliste setzen. Denn die Demokraten werden durch stärkere Preiskontrollen im
Gesundheitssektor und die Förderung von Reimporten die Gewinnmargen der Pharmakonzerne
unter Druck setzen. Profiteure eines Regierungswechsels wären hingegen US-amerikanische
Großkonzerne wie Gillette, AT&T und Altria, die einen großen Teil ihrer Produktion ins
Ausland verlagert haben: Mit einem Vorzugssteuersatz von 5,25 Prozent statt 35 Prozent
wollen die Demokraten diese Multis ins Land zurücklocken, um Arbeitsplätze zu sichern.
Quelle: Investmentfonds.de