Capital | Anleiherenditen rücken in den Mittelpunkt
Daniela Hathorn, Senior Finanzmarkt Analystin der Capital.com
Investmentfonds.de - Die Märkte beenden eine volatile Woche, in der der Anleihemarkt wieder klar die Richtung vorgibt. Was zunächst mit einer verbesserten Risikobereitschaft, fallenden Ölpreisen und neuer Begeisterung für das Thema KI begonnen hatte, schlug rasch in eine erneute deutliche Neubewertung der Zinserwartungen um. Der S&P 500 und der Nasdaq erreichten zu Wochenbeginn Rekordstände, doch die Dynamik ließ nach, als die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen über 5 % stieg. Anleger mussten daraufhin neu bewerten, wie stark sich die Bewertungen am Aktienmarkt noch ausweiten können, wenn der risikofreie Zins auf dem höchsten Niveau seit fast zwei Jahrzehnten liegt. Robusteres Wachstum, anhaltende Inflation, eine hohe staatliche Kreditaufnahme und der zunehmende Wettbewerb um Kapital durch den KI-Investitionsboom führen insgesamt dazu, dass Anleger für das Halten langlaufender Anleihen höhere Renditen verlangen.
Für Aktien sorgt dies zunehmend für eine komplizierte Variante des „Good News is Bad News“-Effekts. Ein starkes Wachstum stützt Umsätze und Gewinne, erhöht zugleich aber die Argumente für eine weitere geldpolitische Straffung durch die US-Notenbank Fed und führt zu einem höheren Diskontierungszins für künftige Gewinne. Technologiewerte sind diesem Spannungsfeld besonders stark ausgesetzt, da ein erheblicher Teil ihrer Bewertung auf künftig erwarteten Cashflows basiert. Der Nasdaq verlor daher nach dem Rekordstand vom Dienstag an Dynamik, während Halbleiterwerte angesichts steigender Renditen unter Druck gerieten.
Auch Gold gehört zu den Verlierern der Neubewertung an den Zinsmärkten. Das Edelmetall steuert auf einen Wochenverlust zu und notiert bei rund 4.300 US-Dollar. Steigende Realrenditen und ein stärkerer US-Dollar erhöhen die Opportunitätskosten einer Anlage in Gold. Die durch den Konflikt im Nahen Osten ausgelöste Nachfrage nach sicheren Häfen sorgt zwar weiterhin für eine gewisse Unterstützung, reicht derzeit jedoch nicht aus, um den Gegenwind durch die steigenden Zinsen auszugleichen.
Auch der Ölmarkt war in dieser Woche eine wichtige Quelle für Volatilität. Brent fiel zunächst unter die Marke von 100 US-Dollar, nachdem Fortschritte bei den Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran sowie die Wiedereröffnung der East-West-Pipeline in Saudi-Arabien die Märkte dazu veranlassten, einen Teil der geopolitischen Risikoprämie wieder abzubauen. Dieser Optimismus erwies sich jedoch als fragil. Äußerungen des iranischen Präsidenten Masoud Pezeshkian machten deutlich, wie weit Washington und Teheran weiterhin voneinander entfernt sind. Gleichzeitig erinnerten erneute Angriffe der Huthi auf Saudi-Arabien die Anleger daran, dass die Gefahr für die physische Ölversorgung weiterhin sehr real ist.
Die wichtigste Entwicklung dieser Woche könnte letztlich darin liegen, dass die Marke von 5 % bei der Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen keine rein theoretische Schwelle mehr darstellt. Der Markt hat diese Marke klar überschritten, und Anleger stellen sich zunehmend auf ein Umfeld ein, in dem die langfristigen Finanzierungskosten strukturell höher bleiben könnten, selbst wenn die Fed ihren Zinserhöhungszyklus letztlich beendet.
Das bedeutet nicht automatisch, dass die Perspektiven für Aktien dadurch grundsätzlich infrage gestellt werden. Eine außergewöhnlich starke wirtschaftliche Aktivität und robuste Unternehmensgewinne bieten ein deutlich stabileres Fundament als ein Ausverkauf am Anleihemarkt, der ausschließlich durch eine nicht verankerte Inflation oder fiskalische Belastungen ausgelöst wird. Die Hürde für weitere Kursgewinne am Aktienmarkt wird jedoch höher. Bei einem risikofreien Zins von mehr als 5 % müssen Unternehmen zunehmend mit Gewinnwachstum überzeugen, anstatt sich auf steigende Bewertungen zu verlassen.
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