Ebury | EZB: Ein Schritt zuviel erwartet?
Roman Ziruk, Lead FX Stratege bei Ebury
Investmentfonds.de - Düsseldorf, 08. September 2026 – Es gilt als ausgemacht: Der EZB-Rat wird am Donnerstag als Reaktion auf den Energieschock infolge des Iran-Kriegs mit hoher Wahrscheinlichkeit eine weitere Zinserhöhung beschließen. Während die Märkte weitere Schritte erwarten, widersprechen die Experten von Ebury. Roman Ziruk, Lead FX Stratege bei Ebury, begründet das so:
„Auch wenn wir der Ansicht sind, dass die EZB eine weitere vorsorgliche Zinserhöhung in diesem Monat rechtfertigen kann, sprechen klare Gründe dagegen: Der zugrunde liegende Inflationsdruck hat nachgelassen, Zweitrundeneffekte sind bislang ausgeblieben und der Lohndruck ist begrenzt. Je länger der Konflikt jedoch andauert, desto größer ist das Risiko, dass sich der Inflationsdruck ausweitet – und desto schwieriger wird die Lage für die EZB. Daher dürfte der EZB-Rat eher zu einer Zinserhöhung tendieren. Dafür sprechen mehrere Faktoren: Nach ihrer späten Reaktion auf den Energieschock von 2022 scheint die EZB entschlossen, diesen Fehler nicht zu wiederholen; das Wachstum ist solide genug, um eine weitere Erhöhung zu verkraften; und der Schritt wurde bereits deutlich signalisiert, sodass auch die Glaubwürdigkeit der Zentralbank auf dem Spiel steht.
Da eine Zinserhöhung im September an den Swap-Märkten vollständig eingepreist ist, werden Anleger vor allem auf Hinweise zum weiteren Kurs achten. Wir halten es für unwahrscheinlich, dass Lagarde sich auf einen konkreten Zinspfad festlegt. Das wäre untypisch, nachdem sie sich im Juni gegen die Bezeichnung „vorsorgliche Zinserhöhung“ gestellt hatte und im Juli zwar indirekt einen möglichen Schritt im September andeutete, zugleich aber an ihrem Mantra der Datenabhängigkeit festhielt. Dennoch werden Anleger ihre Wortwahl genau analysieren: Ein Hinweis, dass die Zinsen am oberen Ende des neutralen Bereichs liegen, würde auf eine hohe Hürde für weitere Erhöhungen hindeuten. Sorgen über mögliche Zweitrundeneffekte bei einem länger andauernden Konflikt würden dagegen die Tür für eine Zinserhöhung im Dezember offenhalten.
Warum die Märkte zu weit gegangen sind
Derzeit preisen die Märkte eine weitere Zinserhöhung im Dezember sowie einen zusätzlichen Schritt im März ein. Wir halten das für zu aggressiv. EZB-Chefvolkswirt Philip Lane hat 2,5 Prozent als Obergrenze der EZB-Schätzung für den neutralen Zinssatz genannt. Jede weitere Straffung nach diesem Monat würde die Geldpolitik daher in restriktives Terrain führen. Angesichts der Wachstumsrisiken und der Tatsache, dass das Inflationsproblem fast ausschließlich angebotsseitig bedingt ist, wäre das aus unserer Sicht ein Schritt zu viel. Zudem würden weitere Zinserhöhungen die Spannungen an den Anleihemärkten verschärfen, während die öffentlichen Finanzen bereits unter Druck stehen.Wir erwarten stattdessen, dass die Zinserhöhung im September die letzte in diesem ungewöhnlich kurzen, zweistufigen Zyklus sein wird. Viel hängt weiterhin davon ab, wie sich der Iran-Krieg entwickelt. Ein länger anhaltendes Patt oder eine erneute Eskalation, die Energiepreise weiter deutlich steigen lässt oder erhebliche Zweitrundeneffekte auslöst, könnte die Falken im EZB-Rat zu weiteren Zinserhöhungen drängen. Ein nachhaltiger Anstieg des Brent-Ölpreises auf über 100 US-Dollar je Barrel – zusätzlich zu den bereits hohen Gaspreisen – würde das Risiko erhöhen, dass die Gesamtinflation länger als derzeit von der EZB erwartet über 3 Prozent bleibt. Lagarde dürfte die Tür für weitere Schritte daher nicht vollständig schließen.
Mit Blick auf die Sitzung sehen wir die Risiken für den Euro eher auf der Unterseite. Angesichts der bereits eingepreisten Straffung ist eine restriktive Überraschung schwer vorstellbar. Ein klares Signal, dass die EZB keine Sorgen hinsichtlich Zweitrundeneffekten hat, ein Zurückweisen der Markterwartungen oder die Betonung einer größeren Hürde für weitere Zinserhöhungen dürfte die Gemeinschaftswährung belasten. Eine ausgewogenere Botschaft, die weitere Straffungen offenlässt, könnte dem Euro etwas Unterstützung geben. Für deutlichere Kursgewinne wäre jedoch ein klar restriktiver Ton erforderlich. Gemessen an Lagardes Rhetorik seit Juni erscheint dies unwahrscheinlich.“
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