Lazard AM | US-Notenbank: Warum schwächere Jobdaten die Fed nicht automatisch bremsen
Ron Temple, Chief Market Strategist von Lazard AM
Investmentfonds.de - Frankfurt, 1. September 2026. Die US-Notenbank dürfte sich nach Einschätzung von Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, trotz einer abkühlenden Beschäftigungsdynamik weiter stark auf die Inflationsbekämpfung konzentrieren. Entscheidend sei, dass die US-Inflation weiterhin deutlich über dem Zwei-Prozent-Ziel der Federal Reserve liege, während der Arbeitsmarkt zwar weniger dynamisch, aber nicht zwangsläufig schwach sei.
„Die Fed steht vor einem schwierigen Balanceakt“, sagt Temple. „Auf den ersten Blick deuten die schwankenden Beschäftigungszahlen auf eine Abkühlung des Arbeitsmarktes hin. Gleichzeitig bleibt der Inflationsdruck zu hoch, um bereits Entwarnung zu geben.“
Fed-Chef Kevin Warsh habe in seiner ersten Rede beim Notenbankertreffen in Jackson Hole deutlich gemacht, dass Preisstabilität derzeit wieder im Mittelpunkt stehe. Zwar beschrieb Warsh den US-Arbeitsmarkt als stabil. Mit Blick auf die Inflation betonte er jedoch, dass diese weiterhin über dem Zielwert der Fed liege und sich die Notenbank daher vorrangig auf die Preise konzentrieren müsse. Die Märkte interpretierten diese Aussagen als klar hawkishes Signal: Die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September stieg laut Temple innerhalb eines Tages spürbar an.
Inflation bleibt hartnäckig
Die jüngsten Inflationsdaten stützen aus Sicht des Experten diese vorsichtige Haltung. Die Kernrate der persönlichen Konsumausgaben, der von der Fed bevorzugte Inflationsindikator, lag im Juli bei 3,3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Gesamtinflation betrug 3,7 Prozent. Damit bewegt sich die Teuerung weiterhin deutlich oberhalb des Zwei-Prozent-Ziels der US-Notenbank.Besonders relevant sei, dass die Kerninflation bereits seit April 2021 über dem Zielwert liege. Dienstleistungen ohne Wohnkosten und Energie hätten sich seit mehr als fünf Jahren mit einer Jahresrate von über drei Prozent verteuert und sich zuletzt knapp unter vier Prozent stabilisiert. Hinzu komme das Risiko, dass die Wohnkosteninflation in den kommenden Monaten wieder anziehen könnte.
„Solange die Kerninflation nicht überzeugend fällt, wird es für die Fed schwer, eine deutlich weniger restriktive Haltung zu rechtfertigen“, sagt Temple. „Im Gegenteil: Wenn die Inflation hartnäckig bleibt, könnte die Notenbank gezwungen sein, ihre Glaubwürdigkeit im Kampf gegen steigende Preise durch weitere Zinsschritte zu untermauern.“
Arbeitsmarkt sendet gemischte Signale
Gleichzeitig sei der US-Arbeitsmarkt schwerer zu interpretieren als in früheren Zyklen. Nach Einschätzung von Temple zeigen die Daten seit Anfang 2025 eine ungewöhnlich hohe Volatilität. Im Jahr 2025 lag das durchschnittliche monatliche Beschäftigungswachstum zunächst nur bei rund 10.000 Stellen. Seit Jahresbeginn 2026 stieg es bis Juli zwar auf durchschnittlich 61.000 Stellen pro Monat, die Schwankungen von Monat zu Monat blieben jedoch ausgeprägt.Temple spricht von einem „no hiring, no firing“-Arbeitsmarkt. Viele US-Unternehmen hätten nach der Pandemie zunächst Arbeitskräfte gehalten und seien Anfang 2025 zu der Einschätzung gelangt, überbesetzt zu sein. Angesichts steigender Kosten hätten sie die Beschäftigung dann eher über natürliche Fluktuation reduziert als über große Entlassungswellen. Dadurch konnten sie ihre Kostenbasis senken, ohne die Gewinnmargen zusätzlich durch stärkere Preiserhöhungen schützen zu müssen.
Hinzu komme ein zweiter Faktor: Veränderungen in der Einwanderungspolitik haben nach Einschätzung von Temple das Arbeitskräfteangebot deutlich verringert. Die Zahl ausländischer Beschäftigter in der US-Erwerbsbevölkerung sei seit März 2025 um rund 2,2 Millionen beziehungsweise 6,5 Prozent gesunken. Dadurch habe sich auch die Schwelle verändert, ab der neue Stellen ausreichen, um die Arbeitslosenquote stabil zu halten. Während historisch rund 140.000 zusätzliche Stellen pro Monat erforderlich gewesen seien, könnte diese Schwelle 2025 auf etwa 50.000 gefallen sein.
Weniger neue Stellen bedeuten nicht automatisch Schwäche
Für die Fed sei diese Verschiebung entscheidend, so der Ökonom. Wenn die US-Wirtschaft heute weniger neue Stellen benötige, um die Arbeitslosenquote stabil zu halten, müssten niedrigere Beschäftigungszuwächse nicht zwangsläufig als klares Rezessionssignal gewertet werden. Ein monatlicher Stellenaufbau von rund 50.000 könnte nach Einschätzung von Temple bereits ausreichen, um den Arbeitsmarkt relativ stabil zu halten.Damit steige die Bedeutung der kommenden Arbeitsmarktdaten. Sollten die Beschäftigungszahlen lediglich moderat ausfallen, ohne dass die Arbeitslosenquote deutlich steigt, dürfte dies die Fed kaum von ihrem Inflationsfokus abbringen. Entscheidend sei nicht nur, wie viele neue Stellen geschaffen werden, sondern ob die Daten auf eine echte Verschlechterung des Arbeitsmarktes oder lediglich auf ein niedrigeres Gleichgewicht beim Beschäftigungswachstum hindeuten.
„Ein schwächeres Stellenwachstum ist nicht automatisch ein Argument gegen weitere Zinserhöhungen“, fasst Temple zusammen. „Wenn der Arbeitsmarkt trotz geringerer Jobzuwächse stabil bleibt und die Inflation deutlich über dem Ziel verharrt, dürfte der Druck auf die Fed eher steigen als sinken.“
Für Anleger bedeute dies, dass sie sich auf ein Umfeld einstellen sollten, in dem die US-Notenbank auch bei weniger dynamischen Arbeitsmarktdaten restriktiv bleiben könnte. „Die Frage für die kommenden Wochen ist daher nicht nur, ob der Arbeitsmarkt schwächer wird. Entscheidend ist, ob er schwach genug wird, um den Inflationsfokus der Fed tatsächlich zu verändern“, so Temple.
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