14.04.2009
DIW Berlin: Derzeit keine Prognose für das Wachstum 2010
Köln, den 15.04.2009 (Investmentfonds.de) - Zimmermann: „Was müssen Ökonomen leisten,
wenn sie am dringendsten gefordert sind?“
Das DIW Berlin wird in seiner morgigen Frühjahrsanalyse der Wirtschaft auf die
Präsentation einer Wachstumsprognose für das Jahr 2010 verzichten. Das Institut
reagiert damit auf die jüngste Serie drastisch nach unten korrigierter
Konjunkturprognosen aller Prognostiker. Dies hatte zu einer öffentlichen Debatte
über Sinn und Funktion von Konjunkturprognosen geführt.
In der gegenwärtig noch immer anhaltenden Situation extrem großer Unsicherheiten
sei eine quantitative Prognose für das nächste Jahr derzeit nicht sinnvoll, so
das Institut in einer heute veröffentlichten Erklärung. „Seit der Verschärfung der
Finanzkrise laufen alle Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung drastisch
hinterher“, sagte DIW-Präsident Klaus F. Zimmermann. „Sämtliche Prognostiker –
das DIW Berlin inbegriffen – haben die Entwicklung in all ihrer Dramatik so nicht
vorausgesehen. Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand.“
„Wir wissen: Die Erwartungen an Ökonomen sind in der derzeitigen Krisensituation
hoch. Zu Recht gibt es eine öffentliche Diskussion darüber, was wissenschaftlich
fundierte Politikberatung leisten muss, wenn sie am dringendsten gebraucht wird.
Dieser Debatte stellen wir uns“, sagte Zimmermann. "Eine sorgfältige und abgewogene
Analyse der Lage und der Politikoptionen muss deshalb im Mittelpunkt stehen.
Geeignete frühe Politikempfehlungen aus der Wissenschaft zur Beherrschung der
Finanzkrise, wie eine rasche Neuregelung des Finanzsektors, die Schaffung von Bad
Banks und die Staatsbeteiligung an Banken sind aber bis heute von der Politik
nicht umgesetzt worden."
Warum wurde der abrupte Konjunktureinbruch nicht früher erkannt?
Das DIW Berlin legte zugleich eine Analyse vor, warum Konjunkturforscher die
sich weltweit ausbreitende Rezession nicht früher erkannt haben. So ließen sich
die rasche globale Ausbreitung der Krise und ihre Tiefe mit den üblichen
Methoden kaum nachvollziehen. Strukturmodelle, die in normalen Zeiten
verlässliche Prognosen liefern, stoßen bei historischen Wachstumseinbrüchen
an die Grenze des Machbaren. Auch die Wirkungen von Immobilien- und Finanzblasen
auf die Realwirtschaft, die zusätzlich von Stimmungen und Erwartungen überlagert
werden, sind noch nicht vollständig untersucht. Die Fortentwicklung des
Instrumentariums bleibt daher eine Daueraufgabe der angewandten Wirtschafts-
forschung.
„Die Makroökonomie befindet sich im Erklärungsnotstand“
Die Erklärung des DIW Berlin im Wortlaut (Vorabauszug aus der ausführlichen
Wirtschaftsanalyse im DIW Wochenbericht vom 15. April 2009)
„Die gegenwärtige Krise, die ihren Anfang beim Platzen der von den Banken mit
windigen Finanzprodukten aufgepumpten Immobilienblase in den USA nahm, hat sich
inzwischen wie ein Flächenbrand auf die Weltwirtschaft ausgebreitet. Sämtliche
Prognostiker haben die Entwicklung in all ihrer Dramatik nicht vorausgesehen.
Im Fall Deutschlands traten die meisten Prognosen schon deshalb nicht ein, weil
der konjunkturelle Wendepunkt falsch eingeschätzt wurde. Hierzu hatte beigetragen,
dass sowohl die Investitionen als auch die Beschäftigung bis in den Herbst des
letzten Jahres zunahmen. Das Gefahrenpotential, das sich infolge der Probleme
auf den Finanz- und Immobilienmärkten zusammenbraute, wurde unterschätzt. Dass
das Umschwenken in eine Rezession zu spät erkannt wird, ist ein grundsätzliches,
bereits in der Vergangenheit zu beobachtendes Problem der Konjunkturforschung.
Offenkundig verfügt die Konjunkturforschung noch nicht über geeignete Instrumente,
um Wendepunkte, insbesondere beginnende Abschwünge, zu erkennen. Verkannt wurde
zudem die rasche weltweite Ausbreitung der Krise – und dabei insbesondere die
Infizierung der Schwellenländer. Nach dem bisherigen Stand der Forschung war das
nicht zu erwarten. Empirische Studien zeigen, dass die Konjunkturzyklen zwischen
Industrie- und Schwellenländern in den letzten Jahrzehnten nicht synchroner
wurden, sondern zunehmend auseinandergelaufen sind. Danach hätte eine robuste
Konjunktur in den Schwellenländern den Absturz in den USA durchaus kompensieren
können. Aber auch innerhalb der Gruppe der Industrieländer war ein gemeinsamer
Einbruch aufgrund früherer Erfahrungen nicht zwingend.
Der internationale Konjunkturzusammenhang zwischen den Industrieländern ist
zwar ab der zweiten Hälfte der 90er Jahre intensiver geworden, aber nur sehr
allmählich. Des Weiteren wurde das Ausmaß des Produktionsrückgangs enorm
unterschätzt. Die makroökonomische Theorie bietet kaum überzeugende Instrumente,
um die Tiefe der Krise nachzuvollziehen. So bilden internationale Handelsver-
flechtungen einen wichtigen Transmissionskanal konjunktureller Entwicklungen.
Die wirtschaftliche Integration hat sich jedoch in Europa und in Asien in den
letzten Jahren wesentlich dynamischer entwickelt als die Handelsbeziehungen
einzelner Länder mit den USA. Außerdem machen die US-Importe nur rund 5 Prozent
der Weltproduktion aus.. Um einen Rückgang der Produktion im Rest der Welt von
nur einem Prozent auszulösen, wäre ein Absturz der US-Importe von 20 Prozent
erforderlich. Legt man die empirischen Einkommenselastizitäten der
Importnachfrage in der Größenordnung von 2 zugrunde, müsste das Bruttoin-
landsprodukt der USA dann dafür schon um rund 10 Prozent schrumpfen. Dies
wird derzeit nicht einmal von Pessimisten erwartet. Daher scheint der
Konjunktureinbruch in den USA ungeeignet zu sein, die Schrumpfung der
Weltproduktion hinreichend zu erklären. Die Finanzkrise hat den internationalen
Konjunkturzusammenhang – zumindest zeitweise – mit hoher Wahrscheinlichkeit
verstärkt.
Durch die Insolvenz von Lehman Brothers ist das Vertrauen in die Finanzmärkte
zusätzlich schwer erschüttert worden. Zwar hatten viele Beobachter bereits
frühzeitig auf mögliche Gefahren hingewiesen, die aus einer Kreditverknappung
für Unternehmen und Haushalte folgen, doch eine globale Kreditklemme ist bisher
nicht zu beobachten. Ein starker Einfluss der Vermögensmärkte auf die
realwirtschaftliche Entwicklung ist zudem nicht generell, sondern eher für die
angelsächsischen Länder zu belegen. Die traditionellen Erklärungsmuster scheinen
in der gegenwärtigen Situation nicht angemessen zu sein. Auch pessimistische
Erwartungen und Stimmungen der Investoren können die von den Immobilien- und
Finanzmärkten ausgehenden Schocks und die konjunkturellen Übertragungseffekte
verstärkt haben. Weil die Rezession weitaus tiefer ist als von den meisten
Beobachtern erwartet, hat die Häufigkeit von Prognoserevisionen zugenommen.
Dabei laufen die Vorhersagen der tatsächlichen Entwicklung hinterher. Dies
zeigt sich beispielsweise in den Consensus-Prognosen für das laufende Jahr,
einer monatlich veröffentlichten Umfrage unter führenden Prognostikern. In
Zeiten einer ruhigen Wirtschaftsentwicklung ist der Mittelwert dieser
Vorhersagen recht stabil; im Zuge der aktuellen Krise wurde er aber
kontinuierlich und im Gleichschritt nach unten korrigiert. Das verweist auf
ein altbekanntes sozialpsychologisches Phänomen: Die Prognostiker neigen
dazu, sich an anderen zu orientieren und ihre Vorausschätzungen innerhalb
eines Rahmens abzugeben, von dem sie annehmen, dass er von der Wissenschafts-
gemeinde akzeptiert wird. Dieses Imitationsverhalten verhindert, dass eine
von der „Herde“ stark abweichende Konjunkturanalyse erstellt wird.
Alles in allem: Die Makroökonomik befindet sich in einem Erklärungsnotstand,
so dass Prognosen in der heutigen Zeit nur mit größter Vorsicht zu
interpretieren sind. Bei der Entwicklung von Prognose- und Simulationsmodellen
steht die empirische Wirtschaftsforschung weiterhin vor großen Herausforderungen.
Frühwarnsysteme zur Aufdeckung destabilisierender Spannungen im Wirtschaftsablauf
stellen eine unverzichtbare Ergänzung der gängigen Strukturmodelle dar.
Gleichzeitig gilt es, keine unerfüllbaren Erwartungen an die Modellierbarkeit des
Wirtschaftsprozesses aufkommen zu lassen: empirisch gestützte Strukturmodelle,
die atypische Wachstumseinbrüche gleichermaßen zu erklären in der Lage sind wie
die Entwicklung in konjunkturellen Normalsituationen, dürften schnell an die
Grenzen des Möglichen stoßen. Sinn von Prognosen ist es, eine Orientierung
innerhalb eines in sich konsistenten Szenarios zu geben. Angesichts der derzeit
besonders großen Unsicherheit wird darauf verzichtet, eine explizit quantitative
Prognose für das Jahr 2010 vorzulegen.“
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Quelle: Investmentfonds.de