07.08.2007
Emerging Markets-Renten: Es hat sich viel getan
Köln, den 07.08.2007 (Investmentfonds.de) - Marktkommentar von Gorky Urquieta, Global
Head of Emerging Market Debt, ING Investment Management.
Schwellenländerbonds gerieten in den vergangenen Wochen unter Druck, Grund zur
Sorge besteht jedoch nicht. Denn die Länder stehen viel besser da als zu den Zeiten
der Asien- oder Russlandkrise.
Noch immer gibt es unter Investoren viele, die Rentenpapieren aus den Emerging
Markets skeptisch gegenüber stehen. In den vergangenen Jahren hatten diese Skeptiker
allerdings einen schweren Stand, schließlich lieferten die Festverzinslichen aus den
Schwellenländern außergewöhnlich gute Renditen ab, was eine Vielzahl neuer Investoren
anlockte. Eine solche Entwicklung war bis in die neunziger Jahre des vergangenen
Jahrhunderts undenkbar: Bis dahin machten Schwellenländerbonds (englisch: Emerging
Market Debt, kurz EMD), nur einen kleinen Teil des weltweiten Bondmarktes aus. Die
Anzahl der Papiere und der Emittenten war verhältnismäßig übersichtlich,
Informationen gab es wenige, die Märkte waren illiquide und Krisen an der
Tagesordnung. Mit der Verabschiedung des Brady-Plans im Jahre 1992 änderte sich
dies, wenn auch zunächst langsam. Der Plan sah vor, in besonders hoch verschuldeten
Entwicklungsländern durch freiwillige Vereinbarungen zwischen ihnen und
Geschäftsbanken einen Abbau der Altschulden und des Schuldendienstes zu erreichen.
Krisen gab es vorerst jedoch trotzdem, etwa in Mexiko (1994/95), Ostasien (1997),
Russland (1998) oder Argentinien (2001). Der absolute Großteil der damals
erhältlichen Festverzinslichen war in Dollar denominiert, lokale Währungen spielten
bei institutionellen Investoren keine Rolle. Aufgrund der zahlreich auftretenden
Krisen wiesen die Papiere einen hohen Risikoausgleich, das so genannte Risk Premium,
auf. Dieser fiel oftmals höher aus, als eigentlich gerechtfertigt gewesen wäre, da
die Emittenten mit der daraus resultierenden hohen Performance Investoren anlocken
wollten. Eine Taktik, die im Laufe der Zeit aufging. Ende der neunziger Jahre
begannen immer mehr Schwellenländer damit, ein besonderes Augenmerk auf eine solide
Finanzpolitik zu legen. Darunter befanden sich die asiatischen Staaten sowie Russland,
die beide gerade durch existenzbedrohende Finanzkrisen gegangen waren. Die mittel-
und osteuropäischen Staaten folgten im Zuge der europäischen Konvergenz, Brasilien
und Mexiko nach der Krise in Argentinien. Als Folge dieser Entwicklungen nahmen das
Risiko für Investoren und damit auch die Risk Premiums auf die Papiere ab. Daraus
resultierte eine Vereinfachung der Kreditaufnahmen für die Schwellenländer, was
wiederum zu einem Anziehen des Wirtschaftswachstums in den entsprechenden Regionen
führte. Die immer stärkere Marktorientierung vieler Emerging Market-Länder und ihrer
jeweiligen Regierungen, der zunehmende Export durch die Globalisierung und die hohen
Rohstoffvorkommen in vielen Schwellenländern sorgten für eine Schuldenreduzierung
und einer weiter zunehmenden Kreditwürdigkeit. Im Zuge dieser Entwicklung nahm die
Abhängigkeit der Länder von den Rohstoffpreisen zunehmend ab. Grund dafür ist die
zunehmende Diversifizierung innerhalb der Volkswirtschaften, die sich in immer
stärkerem Maße auf das Binnenwachstum und die Entwicklung im eigenen Land
konzentrierten. Seit Anfang des Jahrtausends korrelieren die Rentenmärkte der
Schwellenländer stärker mit denen der entwickelten Märkte, der Abstand zu den
Entwicklungen an den Rohstoffmärkten wächst dagegen. Während Anfang der neunziger
Jahre so gut wie kein Rentenpapier aus den Emerging Markets mit dem Gütesiegel
„Investment Grade“ bewertet wurde, sind es heute bereits 40 Prozent. Die meisten
der Länder, die diese Zahl bislang noch nicht erreicht haben, weisen deutliche
Fortschritte auf, etwa Brasilien, denen der Investment Grade-Status im kommenden
Jahr verliehen werden könnte. Selbst Argentinien hat seit der Restrukturierung im
Jahr 2005 einen Bewertungssprung von B- bis zu B+ erzielt. Vor diesem Hintergrund
ist ein Absinken der Risk Premiums und die gute Performance der Schwellenländer-
Renten in den vergangenen Jahren wenig erstaunlich. Seit Anfang des Jahrtausends
hat die Assetklasse bewiesen, dass sie stabile und gleichzeitig hohe Renditen
abwerfen kann. So hielt die gute Performance auch in den Jahren des Aktiencrashes
von 2001-2003 an. Die stabile Wertentwicklung ist insbesondere für viele
institutionelle Investoren wichtig, die ihre Anlagen stark diversifizieren müssen
und dabei verhältnismäßig geringe Risiken eingehen wollen.
Derzeit stagniert die Ausgabe von Emerging Markets-Renten in Hartwährungen wie
Euro oder Dollar. Für dieses Jahr erwarten wir ein Neu-Volumen von etwa 40 Milliarden
Dollar. Dem gegenüber beläuft sich die gesamte Marktkapitalisierung der globalen
Anleihemärkte auf etwa 21,5 Billionen Dollar, davon entfallen rund 2,5 Billionen
Dollar auf die Schwellenländermärkte. Stark an Bedeutung gewinnen allerdings
Emissionen in lokalen Währungen sowie Unternehmenspapiere aus den Emerging Markets.
Sie liegen mit einer Marktkapitalisierung von rund zwei Billionen Dollar mittlerweile
sogar deutlich vor den Anleihen in harter Währung. Verantwortlich dafür sind das
hohe Wachstum der meisten Schwellenländer-Volkswirtschaften, eine verbesserte
Disziplin in Bezug auf die Fiskalpolitik, eine daraus entstandene verbesserte
Stabilität der Volkswirtschaften und die weiterhin guten wirtschaftlichen Aussichten.
Dem entsprechend sollte die Bedeutung von Papieren in lokalen Währungen weiter
zunehmen. Denn zu einer gut entwickelten Volkswirtschaft gehört der Aufbau eines
gut funktionierenden lokalen Finanz- und Kreditwesens sowie das Angebot von
Versicherungsprodukten verschiedenster Art. Das führt zu einer stetig steigenden
Nachfrage nach Finanzprodukten aus dem eigenen Land, etwa durch den Aufbau heimischer
Pensionsfonds und Versicherungsgesellschaften. Diese legen in erster Linie lokal an,
und zwar in sichere Anlagen wie Anleihen. Das Bestreben der Emerging Markets-
Regierungen liegt deshalb darin, ein funktionierendes lokales Kreditwesen zu
entwickeln, Risiken möglichst in heimischer Währung einzugehen und Konsumentenkredite
in lokalen Währungen zu ermöglichen, etwa im Immobilienbereich. Für weltweit
engagierte Investoren bieten diese Tendenzen neue Chancen, da sie eine weitere
Diversifikation ermöglichen. Dies gilt besonders vor dem Hintergrund, dass sich
die Entwicklung der Schwellenländer-Anleihen in Hard Currency denen der Anleihen
aus den etablierten Märkten nahezu angeglichen haben. Wenig überraschend konnte
man deshalb sowohl einen Anstieg an Liquidität als auch an ausländischer Nachfrage
bei den Anleihen in lokalen Währungen beobachten.
Bis Mitte dieses Jahres sanken die Credit Spreads bei EMD auf einen Bonus von
deutlich unter 200 Basispunkten gegenüber herkömmlichen Staatsanleihen ab und boten
damit nur noch ein geringes Risk Premium. In den vergangenen Wochen stiegen die
Spreads aufgrund der Turbulenzen am amerikanischen Immobilienmarkt und die damit
verbundenen Unruhen jedoch wieder an. Investoren sehen nun wieder ein höheres
Risiko in Schwellenländerbonds und wollen dem entsprechend dafür bezahlt werden.
Allerdings sprechen einige Faktoren gegen eine anhaltende Ausweitung der Spreads:
So wachsen sowohl die Wirtschaft, die Produktivität als auch die Bevölkerung in den
Schwellenländern stärker als in den etablierten Märkten, und die Globalisierung
sollte dafür sorgen, dass diese Länder ihr Potenzial zunehmend besser ausschöpfen
können. Die stark gestiegene Nachfrage nach Rohstoffen, die hohe weltweite
Liquidität und die niedrigen Zinsen in der entwickelten Welt geben den Emerging
Markets zusätzlich Rückenwind. Große Fortschritte im Risikomanagement führten
zudem dazu, dass viele der Länder ihre Währungsreserven in großem Maße aufgestockt
und ihre Auslandsschulden abgebaut haben. Das sorgt für zusätzliche Sicherheit.
Ein Crash, wie in der Vergangenheit häufig gesehen, droht nicht. Allerdings sollten
sich Investoren auf anhaltend hohe Volatilitäten einstellen.
Quelle: Investmentfonds.de