18.09.2007
direktanlage.at: Finanzkrise belastet Konjunkturentwicklung
Köln, den 18.09.2007 (Investmentfonds.de) - Martin Hüfner, Chefökonom des führenden
österreichischen Discount-Brokers direktanlage.at, erkennt Auswirkungen der aktuellen
Finanzkrise auf die Realwirtschaft. Entscheidend für die Einschätzung von Hüfner war die
letzte Veröffentlichung der überraschend schlechten Arbeitsmarktzahlen in den USA. Statt
des erwarteten Zuwachses von 110.000 Stellen gab es ein Minus von 4.000. Das war für die
Märkte ein Schock. Die Befürchtungen, dass sich die Kreditkrise doch stärker auf die
Realwirtschaft auswirken wird als bisher angenommen, erhalten damit neue Nahrung. Sie
können nicht mehr negiert werden.
Das bedeutet, dass die Kreditkrise eine neue Qualität bekommt. Bisher war es in erster
Linie eine Kreditkrise, die sich in den USA nur deshalb auf die Konjunktur auswirkt, weil
sie ihren Ursprung in den Problemen des Wohnungsbausektors hat. Jetzt spricht einiges
dafür, dass auch die Finanzkrise selbst auf die Konjunktur ausstrahlen wird.
Wie stark wird das sein? Der Transmissionsmechanismus von der Finanzkrise zur Konjunktur
vollzieht sich über folgende Kanäle:
1. Vermögenseffekt: Durch die niedrigeren Aktienkurse und Häuserpreise verringert sich
der Besitz der privaten Haushalte. Dadurch wird ihr finanzieller Spielraum geringer und
sie schränken ihre Käufe ein.
2. Kreditverknappungseffekt (credit crunch): Durch die Schwierigkeiten am Geld- und
Kapitalmarkt sinkt die Bereitschaft der Banken, Geld auszuleihen, vor allem gegenüber
Schuldnern schlechterer Bonität. Sie horten lieber Liquidität (auch wenn das zu Lasten
ihrer Erträge geht). Das trifft sowohl Unternehmen als auch private Haushalte.
3. Zinserhöhungseffekt: Die Kreditkonditionen für die Schuldner werden schlechter, weil
die Refinanzierung der Banken teurer wird und weil auch höhere Risikomargen einkalkuliert
werden. Dadurch rentiert es sich für manchen Kreditnehmer nicht mehr, Geld aufzunehmen.
Vielleicht warten manche auch wieder auf bessere Zeiten.
4. "Klima-"effekt: In unsicheren Zeiten wird sich das eine oder andere Unternehmen über-
legen, ob es geplante Investitionen nicht verschieben oder vielleicht sogar ganz abblasen
soll. Ähnliche Gedanken machen sich auch private Haushalte bei der Anschaffung von lang-
lebigen Konsumgütern. Zum Klimaeffekt gehört auch, dass Investoren im Immobiliensektor
vorsichtiger werden.
All das sind wie man sieht „weiche Faktoren“. Das erklärt, dass es keine exakten
Modellrechnungen für den Einfluss der Finanzkrise auf die Konjunktur gibt.
Regional sind vor allem die USA betroffen. Aus Hüfner's Sicht ist eine Rezession dort
nicht mehr auszuschließen. Eine Rezession gibt es in den USA ja schon dann, wenn das reale
Bruttoinlandsprodukt zwei Quartale hintereinander absolut zurückgeht. Im ersten Quartal
diesen Jahres ist das reale BIP nur noch um 0,15 Prozent gegenüber Vorquartal gewachsen.
In Europa dürfte der Einfluss der Finanzkrise auf die Konjunktur geringer sein. Hier sind
die negativen Effekte des Häusermarktes allenfalls in abgeschwächtem Maße und vermutlich
nur in Spanien stärker spürbar. Zudem hat die Konjunktur hier noch mehr Schwung. Selbst
wenn die Finanzkrise noch ein paar Monate andauert, wird es keine Rezession, sondern
vielleicht 2 bis 3 Zehntel Prozentpunkte weniger Wachstum geben (statt 2,5 Prozent viel-
leicht 2,2 oder 2,3 Prozent für die Eurozone in 2007). Hüfner rechnet in Europa auch
nicht mit Zinssenkungen, sondern allenfalls damit, dass die geplante Zinserhöhung weiter
hinausgeschoben wird.
Für Aktiencrash sind die Unternehmensgewinne zu hoch
Was heißt das für die Aktien? Bislang hat sich der Aktienmarkt in dieser Krise erstaun-
lich gut gehalten. Das „Blutbad“ findet nicht bei den Aktien, sondern an den Kredit-
märkten statt. Das wird auch so bleiben. Für einen Aktiencrash ist die Lage in den
Unternehmen nach wie vor zu stabil, die Gewinne sind zu hoch und die Konjunktur zu gut.
Zudem stehen die Zentralbanken Gewehr bei Fuß. Freilich können sich die Kurse schon
noch einmal um 5 bis 10 Prozent verringern.
Quelle: Investmentfonds.de