Lazard AM | Erst Treiber, dann Dämpfer: Wie KI auf die Inflation wirkt
Ron Temple, Chief Market Strategist von Lazard AM
Investmentfonds.de - Frankfurt, 21. Juli 2026. Wie sich der Boom rund um Künstliche Intelligenz (KI) auf die Inflationsentwicklung der nächsten Jahre auswirkt, wird kontrovers diskutiert. Ronald Temple, Chief Market Strategist bei Lazard, beantwortet die wichtigsten Fragen zu diesem Thema. Dabei unterscheidet er klar zwischen kurzfristigen und langfristigen Entwicklungen.
Welche Folgen dürfte KI kurz- und mittelfristig auf die Inflation in den USA, Europa und weltweit haben?
- Temple: „Kurzfristig erwarte ich, dass der Boom bei den Investitionen in KI-Infrastruktur vor allem in den USA inflationstreibend wirkt; hauptsächlich aufgrund des enormen Ausmaßes der Ausgaben und der damit verbundenen zusätzlichen Nachfrage in Bereichen wie Energie. Rechenzentren sind ein zentraler Bestandteil dieses Investitionsbooms. In Europa ist der inflationäre Effekt deutlich geringer, da der Großteil der KI-bezogenen Investitionen in den USA und Asien erfolgt.
Über den unmittelbaren Ausbau hinaus rechne ich jedoch damit, dass KI mit der Zeit zu einer deflationären Kraft wird. Je stärker Unternehmen KI in ihre Arbeitsabläufe integrieren und ihre Prozesse effizienter gestalten, desto weniger Arbeitskräfte werden benötigt, um dieselbe Menge an Gütern oder Dienstleistungen zu produzieren. Zunächst könnten diese Kosteneinsparungen die Gewinnmargen der Unternehmen erhöhen. Sobald jedoch immer mehr Wettbewerber KI einsetzen und ihre Kosten senken, dürfte der Wettbewerb über den Preis zunehmen und dadurch ein Abwärtsdruck auf die Preise entstehen.“
Viele erwarten eine Produktivitätssteigerung durch KI und dadurch bedingt einen disinflationären Effekt. Wie ist Ihre Sichtweise? - „In welchem Ausmaß KI tatsächlich disinflationär wirkt, hängt von vielen Faktoren ab. Dazu gehören etwa die Verfügbarkeit der notwendigen Ressourcen für den Ausbau von KI-Kapazitäten, die Energieerzeugungs-, Übertragungs- und Speicherinfrastruktur sowie die Geschwindigkeit der Einführung von KI. Deshalb sind Zeitpunkt und Stärke der disinflationären Effekte nur schwer vorherzusagen.
Langfristig bin ich jedoch überzeugt, dass KI erheblichen kumulativen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben wird, das gilt ganz besonders für den Dienstleistungssektor. In vielerlei Hinsicht sehe ich die Auswirkungen von KI auf Dienstleistungen ähnlich wie die Auswirkungen der Automatisierung auf die Industrie.
Betrachtet man den Zeitraum von 1999 bis 2019 in den USA, lag die Kerninflation bei Waren (also bei physischen Gütern ohne Lebensmittel und Energie) über zwanzig Jahre hinweg bei null Prozent. Meiner Meinung nach geht das vor allem auf die Kombination aus Automatisierung und Globalisierung zurück. Man kann darüber diskutieren, welcher dieser beiden Faktoren den größeren Beitrag geleistet hat. Fest steht jedoch, dass die Automatisierung der Fertigung die Preise gesenkt und gleichzeitig die Qualität verbessert hat. Ich erwarte, dass der Einsatz von KI einen vergleichbaren Effekt auf den Dienstleistungssektor haben wird. Die entscheidenden Fragen sind dabei der Zeitpunkt und das Ausmaß dieser Entwicklung.“
Gibt es bereits Schätzungen, wann dieser Effekt eintreten könnte? - „Der Zeitpunkt, zu dem KI ihre volle Wirkung auf die Inflation entfalten wird, lässt sich nur sehr schwer vorhersagen. Ich vermute jedoch, dass wir relativ schnell erste Einzelfälle beobachten werden, in denen Unternehmen die einfachsten Einsatzmöglichkeiten für KI identifizieren und nutzen.
Bis sich jedoch breitere makroökonomische Effekte zeigen – etwa in den nationalen Inflationsdaten –, dürften mehrere Jahre vergehen. Nach unseren Schätzungen sind mindestens drei bis fünf Jahre erforderlich, bevor KI messbare makroökonomische Auswirkungen entfaltet. Selbst diese Annahme könnte noch optimistisch sein. Die Erfahrungen aus der Technologie-, Medien- und Telekommunikationsblase (TMT-Blase) zeigen, dass es bis zu zehn Jahre dauerte, bevor Produktivitätsgewinne in den Statistiken sichtbar wurden. Zu diesem Zeitpunkt ist es allerdings schwierig, eindeutige Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge herzustellen, da sich zwischenzeitlich viele andere wirtschaftliche Faktoren verändert haben.“
In welchen Bereichen werden wir Preiserhöhungen sehen?
- „Wir haben bereits Hinweise darauf gesehen, dass die Strompreise aufgrund der Nachfrage durch Rechenzentren und andere KI-bezogene Anwendungen gestiegen sind. Ich gehe davon aus, dass sich dieser Trend fortsetzen wird, da der Ausbau der Stromerzeugungs- und Übertragungskapazitäten derzeit nicht mit dem Wachstum der Nachfrage Schritt hält. Das gilt insbesondere in den Vereinigten Staaten.“
Welche Folgen hat das für die Zentralbanken? Wie können sie darauf reagieren, und gibt es historische Vergleichsfälle? - „Dass die Inflation bereits seit mehreren Jahren über ihrem Zielwert liegt, ist eine Herausforderung für die Zentralbanken. Wenn Verbraucher und Unternehmen sich – unabhängig von den Ursachen – an eine dauerhaft höhere Inflation gewöhnen, können sich die Inflationserwartungen aus der Verankerung lösen, was erhebliche negative Folgen hätte. Diese Herausforderung ist in den USA ausgeprägter, weil die Inflation dort seit mehr als fünf Jahren über dem Inflationsziel der Federal Reserve von zwei Prozent liegt und die Vereinigten Staaten zugleich den größten Teil der KI-bezogenen Investitionen auf sich vereinen.“
Müssten Fed oder EZB auf KI anders oder mit neuen Instrumenten reagieren?
- „Ich glaube nicht, dass Künstliche Intelligenz allein eine Straffung der Geldpolitik rechtfertigt. Zusammengenommen mit anderen Anzeichen einer sehr expansiven Finanzierungs- und Liquiditätssituation werden die Argumente für Zinserhöhungen jedoch zunehmend überzeugender. Mein Basisszenario bleibt dennoch, dass die Fed sowohl die KI-bedingten Inflationseffekte als auch die Auswirkungen des Energieangebotsschocks zunächst ausblenden wird. Sollten sich die Preissteigerungen jedoch auf breitere Bereiche der Wirtschaft ausweiten, könnte eine geldpolitische Straffung rasch zur sinnvollsten Option werden.
Für den Euroraum sehe ich deutlich weniger Gründe für eine weitere Straffung der Geldpolitik. Die Inflation war bereits wieder auf das Zwei-Prozent-Ziel der Europäischen Zentralbank zurückgekehrt, bevor die USA und Israel den Iran angriffen. Der anschließende Anstieg der Energiepreise hat zwar erneut Inflationssorgen ausgelöst. Entscheidend ist aus meiner Sicht jedoch, dass es sich dabei vor allem um einen Angebotsschock handelt. Geldpolitik ist wirksam gegen nachfragegetriebene Inflation, deutlich weniger jedoch gegen Angebotsschocks. Höhere Zinsen führen schließlich nicht dazu, dass mehr Energie durch die Straße von Hormus transportiert wird.
Angesichts der schwächeren wirtschaftlichen Entwicklung im Euroraum und bislang fehlender Hinweise auf breit angelegte Zweitrundeneffekte halte ich es für sinnvoll, dass die EZB mit einer weiteren Straffung vorsichtig bleibt und zunächst beobachtet, wie sich Energiepreise und Inflationserwartungen entwickeln, bevor sie weitere Maßnahmen zur Verschärfung der Finanzierungsbedingungen ergreift.“
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