DPAM | Green Bond Markt im Euro-Rentenbereich breiter, tiefer und diversifizierter
Gerrit Dubois, SRI-Spezialist von DPAM
- Green Bond Markt wächst weiter: Mehr Emittenten aus schwer zu dekarbonisierenden Sektoren sorgen für mehr Diversifikation und mehr Kapital für die Transformation.
- Der ex ante gemessene Tracking Error grüner Anleihen gegenüber traditionellen Euro-Rentenindizes ist von über 4 % im Jahr 2020 auf fast null im Jahr 2026 gesunken.
- Das Greenium ist in vielen Marktsegmenten nahezu verschwunden und grüne Anleihen bieten derzeit einen leichten Renditevorteil bei etwas kürzerer Duration.
Investmentfonds.de - Klimabedingte Extremereignisse schlagen sich zunehmend sichtbar in den Wirtschaftsdaten nieder. Nach dem Sommer 2026 mit aufeinanderfolgenden Hitzewellen und Waldbränden in Frankreich und Spanien zeigt sich, wie schnell sich Klimarisiken zu einer wirtschaftlichen Realität entwickeln können. Die Märkte bewerten diese Risiken jedoch weiterhin nur eingeschränkt, was sich an der geringen Zahl klimabedingter Ratingmaßnahmen zeigt. Vor diesem Hintergrund hat sich der Markt für grüne Anleihen im Euro-Rentenbereich breiter, tiefer und diversifizierter entwickelt. Der ex ante gemessene Tracking Error gegenüber traditionellen Benchmarks ist deutlich gesunken, das Greenium nahezu verschwunden. Damit lässt sich die ökologische Ausrichtung eines Rentenportfolios heute mit deutlich geringeren Zugeständnissen bei Risiko und Rendite verbinden. Aktives Management bleibt dabei unverzichtbar, lässt sich nun aber innerhalb des Green-Bond-Universums umsetzen.
Nachhaltig investieren ohne Kompromisse
Hitzewellen und Waldbrände zählen mittlerweile zu den wiederkehrenden wirtschaftlichen Belastungsfaktoren. Gleichzeitig fehlt vielen traditionellen Rentenanlagen weiterhin eine direkte ökologische Wirkung, während grüne Anleihen zunehmend überzeugende Anlagechancen bieten. Nach den Dürren des Jahres 2018 und den Überschwemmungen von 2024 hat der europäische Sommer 2026 erneut gezeigt, wie schnell sich Klimarisiken von einem Hintergrundthema zu einer wirtschaftlichen Realität entwickeln können. Aufeinanderfolgende Hitzewellen belasteten Krankenhäuser, Stromnetze und Wasserversorgungssysteme, während Waldbrände in Frankreich und Spanien Evakuierungen erforderlich machten. EDHEC beschreibt dieses neue Muster mit dem Akronym DIRE: länger anhaltend (Duration), intensiver (Intensity), häufiger wiederkehrend (Recurrence) und früher einsetzend (Earlier onset). Die wirtschaftlichen Auswirkungen sind weitreichend. Extreme Hitze beeinträchtigt die Arbeitsproduktivität, stört Transportketten, erhöht den Kühlungsbedarf, schwächt die landwirtschaftliche Produktion und kann die Stromerzeugung gerade dann einschränken, wenn die Nachfrage nach Elektrizität steigt. Nach Schätzungen von Triodos könnte der Hitzeschock des Jahres 2026 das Bruttoinlandsprodukt der EU um rund 1 % verringern. Berkeley Earth weist darauf hin, dass der Juli 2026 der erste Monat dieses Jahres war, in dem die globale Durchschnittstemperatur mehr als 1,5 °C über dem vorindustriellen Niveau lag. Ein sich verstärkendes El-Niño-Phänomen könnte die Temperaturextreme in den kommenden Monaten zusätzlich verschärfen.Für Anleger besteht die Herausforderung weniger darin, Klimarisiken zu identifizieren, als vielmehr darin, sie angemessen zu bewerten. Ihre Auswirkungen lassen sich nicht ohne Weiteres in Kreditspreads abbilden. Einige Effekte treten unmittelbar auf, viele entwickeln sich jedoch schrittweise über ein schwächeres Wirtschaftswachstum, steigende Betriebskosten, Belastungen in den Lieferketten und wachsende Versicherungslücken. Zwar erkennen die Märkte die Problematik an, sie haben jedoch weiterhin Schwierigkeiten, diese Risiken konsistent einzupreisen. Darauf deutet auch die geringe Zahl klimarisikobedingter Ratingmaßnahmen für europäische Unternehmen hin, die die drei großen Ratingagenturen S&P, Moody’s und Fitch im ersten Halbjahr 2026 veröffentlicht haben und die damit den Trend des Jahres 2025 fortsetzt. Zwar verlagert sich der Ansatz zunehmend von reaktiven, ereignisgetriebenen Maßnahmen hin zu einer stärkeren Integration von Klimarisiken in Methodiken und Analysen, tatsächliche Herabstufungen bleiben jedoch selten. Dies könnte verschiedene Ursachen haben, darunter robuste Unternehmenskennzahlen oder ein Fokus auf kurzfristige Entwicklungen.
Festzustellen ist jedoch, dass diese Zahlen weiterhin in keinem Verhältnis zu den Warnsignalen stehen, die die Ratingagenturen in den Jahren 2022 und 2023 mit ihren Prognosen erwarteter klimabedingter Bonitätsherabstufungen auf mittlere bis lange Sicht gesendet hatten. Derzeit scheinen Anleiheinvestoren allerdings stärker auf steigende Renditen langfristiger Staatsanleihen, geopolitische Spannungen, den Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz sowie auf Zweifel hinsichtlich der Fähigkeit der Zentralbanken fokussiert zu sein, die Inflation nachhaltig unter Kontrolle zu bringen.
Deutlicher Rückgang des aktiven Risikos
Vor diesem Hintergrund lohnt es sich, das Potenzial grüner Anleihen neu zu bewerten. Traditionelle Rentenindizes bieten zwar weiterhin eine breite Marktallokation, erzeugen in vielen Fällen jedoch nur einen geringen oder gar keinen direkten ökologischen Nutzen. Die Einwände gegen eine teilweise Umschichtung in grüne Anleihen waren lange bekannt: ein höheres aktives Risiko, niedrigere erwartete Erträge und eine geringere Diversifikation. Heute erscheinen diese Argumente deutlich weniger überzeugend. Ein genauerer quantitativer Blick verdeutlicht, warum. Im Euro-Rentenmarkt ist das Emissionsvolumen grüner Anleihen deutlich gewachsen. Der Markt ist breiter, tiefer und diversifizierter geworden. Noch wichtiger ist jedoch, dass der ex ante gemessene Tracking Error gegenüber traditionellen Anleiheindizes erheblich zurückgegangen ist. Wie die Grafik zeigt, ist das aktive Risiko von über 4 % im Jahr 2020 auf nahezu null im Jahr 2026 gesunken. Dieser breit angelegte Rückgang deutet darauf hin, dass über einen Anlagehorizont von einem Jahr die erwartete Performanceabweichung zwischen grünen und konventionellen Anleiheindizes inzwischen sehr gering ist, gemessen anhand eines fortgeschrittenen Risikofaktormodells.Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Die Risiko-/Renditeeigenschaften von Green-Bond-Allokationen ähneln inzwischen zunehmend denen traditioneller Benchmark-Indizes. Das Durationsprofil wirkt weniger verzerrend, und die Diversifikation auf Emittentenebene hat sich verbessert. Gleichzeitig ist das sogenannte Greenium – also der Renditeaufschlag, auf den Anleger verzichten, wenn grüne Anleihen im Sekundärmarkt zu leicht niedrigeren Renditen als vergleichbare konventionelle Anleihen gehandelt werden – in vielen Marktsegmenten nahezu verschwunden. Mit anderen Worten: Die ökologische Ausrichtung eines Rentenportfolios geht heute kaum noch mit nennenswerten Kompromissen einher.
Auch die aktuellen Marktbedingungen sprechen für grüne Anleihen. Ihre Risiko- und Renditemerkmale entsprechen heute weitgehend denen konventioneller Anleihen. Der Unterschied mag gering sein, ist jedoch relevant. Anleger können ihrem Portfolio eine klar definierte ökologische Zielsetzung hinzufügen, ohne dessen Gesamtrisikoprofil wesentlich zu verändern und profitieren derzeit möglicherweise sogar von einem leichten Renditevorteil. Genau das macht den aktuellen Zeitpunkt so attraktiv. Wenn Anleger traditionelle Rentenallokationen mit begrenzter realwirtschaftlicher Wirkung durch grüne Anleihen ersetzen können und dabei deutlich weniger aktives Risiko eingehen als früher, sinkt die Hürde für eine Umschichtung erheblich. Eine solche Entscheidung muss nicht länger durch die Bereitschaft gerechtfertigt werden, spürbare Zugeständnisse bei den Portfolioeigenschaften in Kauf zu nehmen. Sie lässt sich heute nicht nur ökologisch, sondern auch finanziell begründen.
Gleichzeitig bleibt aktives Management unverzichtbar. Die Ergebnisse eines Rentenportfolios hängen weiterhin von der Auswahl der Emittenten, der Sektorpositionierung, der Durationssteuerung und einer disziplinierten Kreditanalyse ab. Für grüne Anleihen gilt dies in gleichem Maße. Da der Markt deutlich breiter und diversifizierter geworden ist, können aktive Managementansätze zunehmend innerhalb des Green-Bond-Universums selbst umgesetzt werden. Anleger müssen sich nicht mehr zwischen aktivem Management und nachhaltiger Ausrichtung entscheiden.
Hinzu kommt ein mittel- bis langfristiges Bonitätsargument. Unternehmen, die konsequent in Klimaanpassung, Energieeffizienz, sauberere Produktionsverfahren und widerstandsfähigere Vermögenswerte investieren, dürften besser aufgestellt sein, wenn die Auswirkungen des Klimawandels weiter zunehmen. Solche Investitionen können langfristig das Umsatzwachstum unterstützen, die Ergebnisvolatilität verringern und die Widerstandsfähigkeit des Geschäftsmodells stärken. Da immer mehr Branchen die operativen Folgen von Hitze, Wasserknappheit und klimabedingten Störungen zu spüren bekommen, könnten besser vorbereitete Emittenten im Vergleich zu weniger anpassungsfähigen Wettbewerbern ein günstigeres Risikoprofil entwickeln, was sich letztlich auch in den Bonitätsratings widerspiegeln dürfte.
Was ist als Nächstes zu erwarten?
US-Technologieunternehmen, die derzeit die Finanzschlagzeilen dominieren und zunehmend in Unternehmensanleiheindizes vertreten sind, nutzen Green-Bond-Finanzierungen bislang nur in begrenztem Umfang. Sollten die Sorgen über die kreditrelevanten Folgen des Investitionszyklus rund um Künstliche Intelligenz zunehmen, könnte diese Abwesenheit eher zu einem relativen Vorteil als zu einem Nachteil werden.Gleichzeitig wächst der Green-Bond-Markt weiter. Immer mehr Emittenten aus schwer zu dekarbonisierenden Sektoren, die früher als schwierig über zweckgebundene Emissionen finanzierbar galten, nutzen inzwischen den Markt. Dies verbessert nicht nur die Diversifikation, sondern stärkt auch die Rolle grüner Anleihen bei der Finanzierung der Transformation dort, wo Kapital am dringendsten benötigt wird.
Die zentrale Erkenntnis lautet: Klimarisiken lassen sich heute leichter beobachten als bewerten. Vor diesem Hintergrund bieten grüne Anleihen zunehmend etwas, das lange Zeit schwer zu erreichen war: die Möglichkeit, Kapital aus traditionellen Rentenanlagen in Vermögenswerte mit klar definiertem ökologischem Nutzen umzuschichten ohne auf benchmark-ähnliche Risiko- und Renditeeigenschaften verzichten zu müssen. Angesichts eines niedrigeren ex ante Tracking Errors, eines deutlich geringeren Greeniums und derzeit leicht attraktiverer Carry-Eigenschaften erscheint ein solcher Schritt heute attraktiver denn je. Unternehmen, die in Resilienz investieren, unter anderem über die Emission grüner Anleihen, dürften besser aufgestellt sein, wenn der Klimadruck weiter zunimmt. Grüne Anleihen weisen heute einen deutlich geringeren ex ante Tracking Error gegenüber traditionellen Benchmarks auf. Der Markt bietet derzeit leicht höhere Renditen und Kreditspreads bei gleichzeitig etwas kürzerer Duration. Aktives Rentenmanagement lässt sich innerhalb des Green-Bond-Universums weiterhin uneingeschränkt umsetzen.
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